Category: Troy-Anthony Baylis

Troy – Anthony Baylis – we’re justified and we’re ancient

Troy – Anthony Baylis – we´re justified and we´re ancient

18.Mai – 11.Juni 2016                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 scroll down for English version
^3E78C8C57C30DD48E2F722A8CB53F4018E9E294E9C50D110B2^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Troy-Anthony Baylis ist ein indigener australischer Künstler, der strickt. Er ist darüber hinaus als Kurator, Autor und Kulturtheoretiker tätig.

Seine künstlerischen Arbeiten basieren in zunehmendem Maße auf kulturhistorischen Recherchen. Er verbindet Traditionen seiner Kultur, der Jawoyn in Australiens Northern Territory, mit Aspekten zeitgenössischer Kunst, Populärkultur und Queer-Theorie. Seine Auseinandersetzungen mit anderen zeitgenössischen Künstlern gestaltet er als kreative Dialoge. Dabei überzeugt vor allem die illustre Mischung seiner Gesprächspartner, wie etwa Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Cary S. Leibowitz und Barbara Cartland!

In seiner Ausstellung we’re justified and we’re ancient zeigt Baylis mit Hey Ya! (2013) und Hey Ya!/Ay-O (2016) zwei im Wortsinne wahrhaft raumgreifende Skulpturen, welche die Form von  Mimi spirits nachahmen, um sie im „Mu Mu Land“ der 11m2 im freien Spiel lebendig werden lassen.1 Kräftig in ihrer Farbigkeit, stark gemustert sind sie doch weich und nachgiebig in ihrer Materialität, denn sie bestehen aus Wolle und wurden von Hand gestrickt. Ihre Körperhaftigkeit und spielerische Präsenz verleihen ihnen eine große Lebendigkeit. Dabei verbleiben sie in ihrer Darstellung ohne Abbildhaftigkeit, sie sind weder ein Tier noch ein Pflanze.2 In leuchtenden Farben entwickeln sich Musterstrukturen in die Höhe, die bei engem Strick dem Äußeren der Skulpturen eine an Reptilienhaut erinnernde Oberfläche verleihen. Die Muster erscheinen als in Schwingungen versetzte Bewegungen, seismographischen Aufzeichnungen nicht unähnlich und sind in ihrem Verlauf von einer fast filmischen Vorwärtsbewegung geprägt. Der Strick verleiht dem ganzen dabei eine an Pixel erinnernde Feinrasterung. In den Mustern dieser Erzählung gibt es immer wieder unerwartete Brüche und Wechsel mit unterschiedlich deutlich hervorgehobenen Schnittstellen. Solche Brüche können in verschiedensten Kulturen sehr Unterschiedliches bezeichnen. In den Raffia-Stickereien der zu den Kuba gehörigen Shoowa im Kongo etwa dokumentieren oft sehr abrupte Unterbrechungen im Muster Ortswechsel der stickenden Person.3 Sie werden aber ebenso in Verbindung gebracht mit Offbeat Phrasierungen in der afrikanischen Musik.4 Bei den Nordamerikanischen Pomo Indianern fungieren Abweichungen in den Ornamenten von Korbgeflechten als Ein-und Ausgänge der in den Ornamenten lebenden Geister.5 An all dies lässt sich ohne weiteres auch bei Hey-Ya! und Hey Ya!/Ay-O denken. Denn die Mimis sind altehrwürdige Geister und Trickster.6 Vor dem Erscheinen der Aborigines hatten sie Menschengestalt und bemalten Felsen. Nach ihrer Begegnung mit den Aborigines, denen sie so entscheidende Dinge, wie das Kochen und das Malen beigebracht haben, verwandelten sie sich in lange dünne Wesen. Sollte dies nun exotisch erscheinen, so sei daran erinnert, dass Flexibilität in der Erscheinungsform nicht nur Mimis vorbehalten ist, sondern schließlich auch in der westlichen Kultur eine große Rolle spielt: Von einer sich in einen Lorbeerbaum verwandelnden Dame, bis hin zu sprachbegabtem brennenden Unterholz und sich als liebenswerte Haustiere gebarende Höllengestalten.7 Im Zweifelsfall regeln Pharmazeutika Größenverhältnisse und Wahrnehmungsfragen: „go ask Alice!“

Foto: Boris von Brauchitsch

Ein komplexer Dialog zwischen Charles Strouse, Martin Charnin und Patti Smith sowie zwischen Troy Anthony Baylis und Cary S. Leibowitz bildet die Grundlage für Baylis zweite Installation Tomorrow.8 Leibowitz mit Text gestalteten Strickmützen wurden von Baylis mit traditionellen Dillybags der Aborigines gekreuzt um daraus hochgeschossene Wollskulpturen zu entwickeln, die sogar noch mehr Raum für Text bieten als die von Leibowitz gewählten Ski-Bommelmützen. Nachdem Baylis in Berlin einer auf „repeat“ eingestellten Coverversion des Liedes Tomorrow aus dem Musical Annie, interpretiert von Patti Smith, zu lange ausgesetzt war, kehrte er tief-traumatisiert nach Adelaide zurück, um den gesamten Liedtext auf Mützen zu stricken. Diese haben seitdem unterschiedliche Installationsformen erfahren. Die gesamte Arbeit war 2009 als ein an Richard Longs Steinkreise erinnernde Bodenskulptur in der Ausstellung Resonance, in Adelaide zu sehen und als eine, Elemente einer musikalischen Partitur aufnehmende Wandskulptur bei MyBerlinWall.

Troy Tomorrow Claus OriginalFoto: Claus Rottenbacher, Berlin      Ausstellungsansicht Troy-Anthony Baylis – Tomorrow / MyBerlinWall

Einzelne Elemente der Skulptur hat Baylis an geographisch höchst unterschiedlichen Orten in freier Natur photographiert und diese Bilder in einer ganzen Reihe von Ausstellungen gezeigt. In den 11m2 bewegt sich Tomorrow im lockeren Wechsel zwischen Wand und Raum. Dies erlaubt dem Betrachter der Skulptur unter ihren Mützensaum zu schauen und sich dabei gewissermaßen behütet zu fühlen. Die Skulptur ergeht sich in einem grau in grau. Ihre Installation jedoch fordert dazu heraus das Kinn zu heben, zu lächeln und zu lesen: „The sun will come out tomorrow. So you gotta hang on ´til tomorrow, come what may!“ Und da Bildbetrachtungen bekanntlich Zeit erfordern, stellt sich in der Betrachtung in etwa dass ein, was den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildete: Tomorrow auf „repeat“!

 

^40D2F6C358D33F2D614D44E16DAD5CF0771EDA4353F852DB99^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Die Ausstellung we’re justified and we’re ancient wird ergänzt durch die Installation

First Queer and The Early Sunsets bei MyBerlinWall. link

Zur Ausstellung sind zwei Editionen erschienen.

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Rafael von Uslar

1 The KLF: Justified and Ancient (Stand by the Jams), 1991; Andrè 3000 für Outkast: Hey Ya!, 2003; Ay-O, der selbsterklärte „Rainbowman“, ist ein japanischer Fluxus-Künstler.

2 Am an animal and a plant ist Text und Titel einer Skulptur von Baylis aus dem Jahr 2008.

3 Diesen Hinweis verdanke ich Klaus Herford.

4 Robert Farris Thompson, African Art in Motion, Los Angeles, 1974, S. 10-13.

5 Claude Lévi-Strauss: Sehen, Hören, Lesen, Frankfurt am Main, 2004, S. 157.

6 Meine Information zu den Mimis verdanke ich der Website des Australian Museum und dem Katalog zu BOO! Aboriginal Ghost Stories And Other Scary Matter, kuratiert von Troy-Anthony Baylis, Tandanya, 2016 Adelaide Festival of Arts.

7 Zu den Dämonen siehe: Stefan Lochner: Weltgericht, Köln, 1435.

8 Tomorrow stammt aus dem Musical Annie: Charles Strouse (Musik), Martin Charnin (Liedtexte), Thomas Meehan (Buch), 1977. Die Coverversion von Patti Smith ist veröffentlicht auf Land (1975-2002), 2002.

 

 

Fotos: Geo Reisinger, Berlin        /Ausstellungsansicht Troy-Anthony Baylis – First Queer and The Early Sunsets/MyBerlinWall

 

 

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Troy – Anthony Baylis – we´re justified and we´re ancient

18.May – 11.June 2016

^CE429B086BFD8AFAD4F3BB9BE504744E20F9C25ED37154BE56^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Troy-Anthony Baylis is an indigenous Australian artist who knits. Furthermore he works as a curator, author and cultural theorist. Increasingly his art-works are based on historically grounded cultural research. He connects traditions of his Jawoyn culture from Australia’s Northern Territory with aspect of contemporary art, popular art and queer-culture. The implementation of his engagement with the positions of other contemporary artist’s takes the form of a creative dialogue. The illustrious mixture of his dialogue partners though is particularly interesting. To name just a few: Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Cary S. Leibowitz AND Barbara Cartland!

In his exhibition we’re justified and we’re ancient Baylis shows Hey-Ya! and Hey-Ya!/Ay-O, two truly space-consuming sculptures that channel traditional Mimi spirits, allowing them to come alive and play in the „Mu Mu Land“ of 11m2.1 Made from wool and hand-knitted they are vigorous in their colourfulness and strongly patterned, nevertheless they are soft and compliant in their materiality. Their bodily appearance and playful presence lends them great liveliness. Still their depiction remains without eminent likeness. Their pattern structures evolve in an upward movement and they seem neither an animal nor a plant.2 Tight knitting lends the external side of the sculptures a surface reminiscent of reptile skin. These patterns appear to be derived from oscillatory movements, not unlike seismographic recordings and appear to unfold in a film-like forward movement while the knitting overwrites it all with a pixelated raster..

The patterns of this narrative continue to show unexpected faceting. Such fractious, abrupt changes in patternation can signify various things in different cultures: In the Raffia stitching of the Shoowa (who are part of the Kuba culture in Kongo) abrupt changes in pattern document a change of location of the person stitching.3 They have also been connected to offbeat phrasing in African music.4 The North-American Pomo Indians introduce interruptions into the ornaments of their basket weaving as gateways to be used by the spirits who actually reside in these ornaments.5 All this can also be imagined in the context of Hey-Ya and Hey-Ya!/Ay-O! After all the Mimis are venerable spirits and tricksters. Justified AND ancient they had human form and painted rocks before the Aborigines appeared.6 After their arrival the Mimi changed into thin, elongated beings and taught the Aborigines such essential matters such as cooking and painting. Now if any of this should appear exotic it should be remembered that a fluidity in appearances also plays an essential role in Western mythology: From the transformation of a lady into a laurel tree to linguistically gifted underwood on fire and creatures from hell posing as cute pets.7 In case of doubt, “go ask Alice!“

A complex dialogue between Charles Strouse, Martin Charnin and Patti Smith as well as between Troy Anthony Baylis and Cary S. Leibowitz forms the basis of Troy-Anthony Baylis second installation Tomorrow 8.  Baylis interbreeds Leibowitz’s knitted hats that feature text with traditional Aboriginal dillybags into tall wool-sculptures that offer even more room for text than Leibowitz’s chosen ski- bobble caps. While in Berlin, Troy-Anthony Baylis got exposed to a cover version of the song Tomorrow from the musical Annie, interpreted by Patti Smith set on “repeat” for just too long. Deeply traumatized he returned to Adelaide only to knit the entire lyrics of this song on dilly-hats gone sculpture. These have since then been installed in many different ways. The entire work has been on show as a floor sculpture reminiscent of Richard Long’s stone circles. It became a wall work picking up on the formal aspects of a musical score at MyBerlinWall 9. Single segments of the work have been installed and photographed by Baylis at geographically quite diverse locations. These photographs have since then been presented in various exhibitions. At 11m2 Tomorrow shifts in loose fluctuation between wall and space. This allows the viewer to actually peep underneath the sculpture’s hat’s brim and feeling somehow be- hat -ed.

^6740AE17C60795C0A86E6BD5EA245364868F5E9F63B4C78993^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

While the sculpture refrains in grey on grey, its installation reprises with a stick up of the chin, a grin, only to exclaim: „The sun will come out tomorrow. So you gotta hang on ´til tomorrow, come what may!“ And as generally known the reception of art requires time. Thus the viewing of this installation reinstalls something that defined the very point of departure for this work: Tomorrow on “repeat”!

The exhibition we’re justified and we’re ancient will be supplemented by the installation First Queer And The Early Sunsets at MyBerlinWall.

Rafael von Uslar

1 The KLF: Justified and Ancient (Stand by the Jams), 1991; Andrè 3000 for Outkast: Hey Ya!, 2003; Ay-O, the self-proclaimed „Rainbowman“, is a Japanese Fluxus-artist.

2 Am an animal and a plant is text und title of a sculpture by Troy-Anthony Baylis from the year 2008.

3 I thank Klaus Herford for this information.

4 Robert Farris Thompson, African Art in Motion, Los Angeles, 1974, p. 10-13.

5 Claude Lévi-Strauss: Look, Listen, Read, New York, 1997, p. 170.

6 I owe my information on Mimi spirits to the web site of the Australian Museum and the catalogue for BOO! Aboriginal Ghost Stories And Other Scary Matter, curated by Troy-Anthony Baylis, Tandanya, Adelaide Festival Of Arts 2016.

7 In regard to cute demons see: Stefan Lochner: Weltgericht, Köln, 1435.

8 Tomorrow originates from the Musical Annie: Charles Strouse (music), Martin Charnin (song-lyrics), Thomas Meehan(book), 1977. The cover-version of Patti Smith was published on Land (1975-2002), 2002.

9 MyBerlinWall features works and installations of contemporary artists in a private context.

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