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Elisabeth Leyde – Weisssehen

Elisabeth Leyde, 11qm, 14, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 12, 2019

 

Elisabeth Leyde, 11qm, 25, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 19, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 13, 2019

Elisabeth Leyde_Druck_Karte_Vor - Kopie

 

Elisabeth_Leyde_rand_Einladung Kopie - Kopie
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Kay Rosen

Zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen am 22. und 23. April 1945.

Kay Rosen: Remember, 1995

Eine Grabschleife in den Farben schwarz, rot, gold. Dies sind die Farben der Befreiungskriege, des Deutschen Bundes, der Frankfurter Nationalversammlung und schließlich der Weimarer Republik. Nach einem ebenfalls traditionsreichen schwarz, weiß, rot Intermezzo sind es die Farben der beiden deutschen Nachkriegsstaaten, BRD und DDR. Schließlich, seit der Wiedervereinigung 1990 auch die, der heutigen Bundesrepublik Deutschland.

Folgen die Farben in der Flagge der Bundesrepublik in Streifenform einer horizontalen Anlage, so sind Kranzschleifen, die das Flaggenmotiv zitieren, traditionell vertikal ausgerichtet. Kay Rosen nutzt die aufeinanderfolgenden Farbfelder zu einer Gruppierung der Buchstaben RE auf gold, MEM auf rot und ER auf schwarz.

Eine Kranzschleife ist der Ort für letzte Grüße, für feierliche Erklärungen eines ewigen Angedenkens, die Bekundung hoher Achtung, kurzum, es geht um eine Beschwörung des Niemalsvergessens, der manchmal auch schlicht die Nennung von Eigennamen reichen. An diesem Beschwörungsritual nimmt Remember teil. Die Nationalfarben eröffnen dafür die Arena der kollektiven „Erinnerungskultur“. Das einzeln gestellte Wort wiederum läßt sich als Absichtserklärung oder als Imperativ verstehen.

Remember“ ließt sich ohne Schwierigkeiten. Sichtbar wird, bei genauerem Hinsehen, eine nicht sichtbar gemachte Leerstelle für das fehlende „B“, über das jedoch das lesende Auge bereits bereitwillig hinweg gesehen hat.

Von der Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit von Erinnerungslücken, vor allem aber von der großen Bereitschaft, jederzeit über diese hinweg zu gehen, handelt dieses Multiple.

Erschienen ist Remember 1995 Kay Rosens Beitrag zur Ausstellung Zimmerdenkmäler in Bochum. Anlässlich des erstmalig von der Stadt Bochum organisierten Besuches ehemaliger jüdischer Mitbürger und Überlebender des Holocaust, wurden Bochumer BürgerInnen aufgefordert, einen Platz in ihrer Wohnung zu schaffen, den sie als eine symbolische Geste den Gästen anbieten, die vormals einen Ort in dieser Stadt ihr Zuhause nannten. Diese raumgebenden Gesten wurden sichtbar gemacht durch Kunstwerke, die für die Dauer des Besuches, eine Woche im September 1995, öffentlich zugänglich waren.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Rafael von Uslar.

Es erschien ein Katalog mit Photographien, der in den Wohnungen realisierten Installationen, von Candida Höfer:

Zimmerdenkmäler, Essen, 1995.

Zum Besuch und zur Ausstellung erschien eine, von Hans-Peter Feldmann mit Photo-Collagen illustrierte Dokumentation: Vom Umgang mit der Geschichte, Essen, 1996.

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen sind von der S-Bahnstation Savignyplatz zu erreichen mit der S9/S1, Fahrtzeit: 1 Std. 30. Min.

 

Kay_Rosen2_kundenstopper - Kopie

Shelly Lasica und Tony Clark – REPRESENT

Shelley Lasica und Tony Clark
REPRESENT
Eine Performance von Shelley Lasica in der Villa Sino-Turk-Romana von Tony Clark für 11m2, Berlin Charlottenburg am 03.08.2018
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Tony Clark 24, 11qm, 2018
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Represent ist ein fortlaufendes gemeinschaftliches Projekt von Shelley Lasica und Tony Clark. Eigens für den Anlass geschaffene Teile von Clarks Myrioramen dienen einen Abend lang als Kulisse für eine Tanzperformance.
Seit 2013 wurde Represent in der Galerie Seippel in Köln, bei Murray White Room in Melbourne, in Privaträumen in Millitello auf Sizilien, sowie im Arboretum in Canberra gezeigt. Für jede Aufführung werden Performance und Kulisse für den jeweiligen Ort neu gestaltet.
Tony Clark - Shelley Lasica 10, 11qm, 2018
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Am 3. August 2018 wird Represent nun auch in den 11m2 in Berlin gezeigt. Hier entsteht eine Hybridisierung eines Myrioramas in eine „Sino-Turke“-Landschaft als eine Performance in der sie ihren Auftritt als Kulisse hat. Derweil wird sich der tänzerische Live-Act in einem verwirrenden Wechselspiel von Momenten des Innehaltens und kontinuierlicher Bewegungsdynamik entwickeln.
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Konzeptionell bezieht sich Represent auf die „Portland Vase“, eine berühmte, im antiken Rom in Überfangtechnik hergestellte Vase, die sich etwa auf den Zeitraum zwischen 1 v.Chr. und 25 v.Chr. datieren lässt. Nachdem sie im Jahr 1582 in Rom entdeckt worden war, gelangte sie schnell zu internationalem Ruhm. Seit etwa 1780 befindet sich die Vase in England, seit 1810 wird sie dort im British Museum ausgestellt. Josiah Wedgewood versuchte über viele Jahre hinweg eine Kopie der Vase in seinem berühmten Jasperware herzustellen, bis ihm dies schließlich 1790 auch gelang. Die öffentliche Präsentation der Wedgewood Kopie und das Bekanntwerden ihrer komplizierten Produktionsgeschichte erhöhten die Popularität der Vase und deren Ästhetik in erheblichem Maße. Vor einem dunkelblauen Hintergrund wurden in eine weitere, weiße Glasschicht in Kameentechnik, Bilder eingeschnitten, welche die Figuren in Architekturelementen und Landschaftsszenerien mit Bäumen zeigen. In seiner formalen Gestaltung zeigt
sich das Relief sowohl zwei- als auch als dreidimensional. Bemerkenswerterweise konnte während ihrer langen Rezeptionsgeschichte das ikonographische Bildprogramm der Vase in seiner Gesamterzählung nie schlüssig bestimmt werden.
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Für Represent nimmt Lasica den Figurenkanon der berühmten Glasvase zum Ausgangspunkt und nutzt dabei die Offenheit und Unklarheiten bezüglich der erzählerischen Zusammenhänge als Anlass für ihre eigene Version einer instabilen Erzählung.
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Tony Clark - Shelley Lasica 27, 11qm, 2018
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In der Villa Sino-Turk-Romana macht Tony Clark von dem gesamten, unterhalb der 11m2 angesiedelten „Garagen“–Raum Gebrauch. Mit großformatigen Malereien, die erstmals eine von historischem Meißner Porzellan inspirierte Farbpalette aufweisen, verwandelt er die Garage in den zur Villa gehörenden „Garten“. Anders als in früheren Fassungen von Represent, in denen Lasica sich an der Bildoberfläche als Aufführungsort orientierte und so tänzerisch eine Reliefstruktur entwickelte, öffnet sich Represent hier der Raumtiefe. Indem jedoch Lasica die Vorstellung von Relief aufrecht erhält, bahnt sie sich einen Weg in einen neuen, ungewöhnlichen Aufführungsraum.
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Rafael von Uslar
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Photos von Boris von Brauchitsch
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REPRESENT
A performance by Shelley Lasica at the Villa Sino-Turk-Romana by Tony Clark for 11m2, Berlin Charlottenburg, 03.08.2018
Represent is an ongoing collaborative project by Shelley Lasica and Tony Clark. Sections from Clark’s Myriorama are presented for one night as scenery for performances. Since 2013, Represent has been shown at Galerie Seippel in Cologne, Murray White Room, Melbourne, a domestic space in Millitello, Sicily and the Arboretum in Canberra. Each time it is shown it is remade for the particular situation.
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In August 2018 Represent will be presented at 11m2, representing a further hybridisation of the Myriorama into a Sino-Turquerie landscape as a performance, rendering them as scenery, whilst the live performance unfolds at once in suspension and continual momentum through time, always confounding.
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Conceptually, Represent refers to the “Portland Vase”—a famous piece of Roman cameo glass vase that is dated to between AD 1 and AD 25. Discovered in Rome in 1582 it quickly rose to international fame. From around 1780 the vase has been located in Britain, and since 1810 it has been on display at the British Museum.
Josiah Wedgwood spent years attempting to recreate a copy of the vase in his iconic Jasperware and finally succeeded in 1790s. The public display and production of the Wedgwood copy greatly increased the popularity of the vase and its aesthetic. A white relief is set against a black background displaying a scenery of figures, some of whom are interacting with one another, while others remain solitary. This circular narrative is played out continuously though the figures in architectural elements, landscape features and trees in an object that identifies as both two-dimensional and three dimensional. Throughout the objects history, the meaning of the object’s iconography has never been verified.
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Represent features a large scale Tony Clark painting as the scenery for a performance. The choreography of the object and its putative narrative become the performance. Taking the figurative inventory as a starting point, Lasica refers to the famous glass relief figurines, the shape of the narrative and the object itself as versions of an unstable story.
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At the Villa Sino-Turk-Romana Clark will make use of the entire “garage” space located underneath the 11m2 exhibition space. Defining the garage as the Villa’s extended “garden area”, Represent will provide depth through an aperture. As a consequence, the performance will transcend the idea of relief in
order to pioneer into a highly unusual theatrical space, collapsing the gallery, the garage and the street.
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Rafael von Uslar

Tony Clark – Villa Sino – Turk – Romana

Tony Clark:

Villa Sino – Turk – Romana

einladung_Tony_Clark_Facebook

Ein Projekt für 11m2, Berlin
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Der australische Maler Tony Clark zeigt in den 11m2 Entwürfe für eine hypothetische
Villa Sino-Turk-Romana. Jedes Gemälde tritt hier als ein Stellvertreter für andere Objekte und Medien auf. Es handelt sich um “Entwürfe” für Mosaiken, für Vasen, für Deckengemälde, etc. Während die Darstellungen sich in den Kontext der Geschichte der “westlichen” Malerei stellen, rezipieren die herbei zitierten Dinge zeitgenössische Formen von Chinoiserien und Turquerien. Die Villa selbst, die solch komplexem Exotismus Heim und Plattform bietet, gründet in ihren Fundamenten auf einen, sich auf romanische Traditionen beziehenden, unverwüstlichen Klassizismus.
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Tony Clark 20, 11qm, 2018
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In Berlin knüpft Clark an seine Entwürfe für eine Villa Sino-Romana an, die er 1987 in Sydney ausstellte: Eine Serie von Gemälden, in denen er eine klassizistische Formensprache mit den Phantasien historischer Chinoiserien verband. Seine Ausstellung markierte dabei als sichtbares künstlerisches Zeichen den Beginn eines bedeutenden politisch-kulturellen Paradigmenwechsels, der sich Anfang der 90er Jahren in Australien vollzog. Eine bis dahin unerschütterlich anglophile, eurozentrische Gesellschaft öffnete sich der Realität der mehr als 100 Jahren währenden Einwanderung aus Asien, um schließlich sogar die Verortung des Kontinents im pazifischen Raum anzuerkennen.
Die Bereicherung der Villa um die Wunder der Turquerie ist Clarks Tribut an Berlin, an Deutschland, an ein Land, das zwar zu einem späten Coming Out als Einwanderungsnation gefunden haben mag, aber dennoch nicht müde wird, selbst auf höchster politischer Ebene eine Diskussion darüber zu führen, ob eine – von Millionen von BürgerInnen des Landes praktizierte Religion – zur nationalen Identität eben dieses Landes “gehört”.
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Welch besserer Ort für eine Villa in klassizistischer Tradition als der einer Pförtnerloge der Jahrhundertwende, in der Mommsentrasse in Berlin? Welch bessere Nachbarschaft als die dem “Exotismus” in seinem besten Wortsinn Ehre erweisenden Charlottenburger Sammlerhaushalte des frühen 20. Jahrhunderts?
Welch bessere Strategie eine Eindeutigkeit in der narrativen Vermittlung zu finden, als jene, die jede Form der Äußerung als selbsterklärte Stellvertreter für eine mehrfach zu vollziehende, kulturelle Übersetzungsleistung einsetzt? Welch besserer Ort als Australien um klar zu sehen, worüber in Deutschland zu sprechen ist?
Tony Clark 18, 11qm, 2018
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Represent
Den Garten der Villa verlegt Clark in die 11m2 “Garage”, die er komplett ausgemalt hat, als eine Bühne für den Auftritt der australischenTänzerin Shelley Lasica und ihr gemeinsames Performance-projekt Represent.
In dieser Performance greift Lasica auf Motive der in England sehr berühmten Portland Vase zurück. Bis heute ist es Forschern nicht gelungen, die Muster der Erzählung dieser Vase eindeutig zu bestimmen. Mit ihrem interpretativen Tanz erstellt Shelley Lasica eine weitere Übersetzung im Rahmen des, mit Übersetzungsleistungen nicht eben geizenden Projekt der Villa Sino-Turco-Romana in den 11m2.
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Tony Clark 15, 11qm, 2018
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Villa SinoTurk-Romana @ 11m2
Die Villa Sino-Turk-Romana ist eine Einladung zur Horizonterweiterung. Sie lenkt den Blick auf den Reichtum einer Kultur, der sich dem Fremden gegenüber öffnet um das Fremde schließlich in neuer Form als das facettenreiche Eigene wiederzuerkennen.
So wird inhaltlich, unter Indienstnahme eines ironisch, kritischen Exotismus, in einem
interkulturellen Brückenschlag zwischen Australien und Deutschland, die Anerkennung von kulturellen Einflüssen von Einwanderergemeinschaften auf die Einwanderungsgesellschaft zum Thema dieser Ausstellung.
Vor allem aber bietet diese Villa mit Tony Clarks Bildern eine spannende, konzeptionell kluge, höchst ironische und dabei ästhetisch ausgesprochen verführerische Malerei.
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Anmerkungsapparat
Tony Clark, Malerei
Die Malerei von Tony Clark gründet wesentlich auf konzeptionellen Überlegungen.
Bekannt wurde er mit seinen Myrioramas, die aus Einzeltafeln bestehenden,
kontinuierlichen Landschaftsbilder, welche sich in nahezu endlos erscheinenden
Kombinationen in ihrer Reihenfolge neu zusammenstellen lassen. Das Prinzip geht auf das, von John Clark im Jahr 1824 patentierte Gesellschaftsspiel zurück. welches aus gedruckten Tafeln mit kontinuierlichen Lanfdschaftsdarstellungen besteht.
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In einem Interview mit Robyn McKenzie stellte Clark fest, das sich eines seiner Myrioramen gleichermaßen für einen Auftritt bei der documenta IX, dem Cover eines
Nick Cave Albums und schließlich einem Einband des Readers Digest geeignet hätte. Für ihn stellt dies einen Idealfall seiner Malerei dar. Clark zelebriert die Malerei an deren Außenrändern, dort, wo sie immer mehr ist als nur ein Bild. Was schließlich kann eine größere Herausforderung darstellen, als ein Entwurf zu sein? Vor diesem Bild liegt immerhin nichts Geringeres als eine Zukunft voller Möglichkeiten!
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Tony Clark 13, 11qm, 2018
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Chinoiserie
Im 18. Jhd. etablierte sich in der westlichen Kultur ein idealisiertes Bild Chinas. Diese
Sicht stellt, vor dem Hintergrund defizitärer Strukturen in Europa ein Modell eines
exotischen Utopias im Sinne eines wesentlich fiktionalen Gegenentwurfs dar. Damit
eignete sich das Asiatische als Idylle und als Traumort, ein Ort der Mythen und der
fiktiven Verschönerungen und unglaublicher Bildungsstandards. Ökonomen und
Philosophen deuteten ein China der Reiseberichte vor dem Hintergrund ihrer Kritik
an der von ihnen durchlittenen europäischen Realität. Fortan eignet sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit alles imaginierte Chinesische als progressiver Modetrend.
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Turquerie
Am Beginn einer Einflussnahme osmanischer Kultur auf den Westen Europas steht
ein bedeutender Wissenstransfer. Auch wenn das Osmanische Reich mit seiner
Expansion auf dem Balkan und der Belagerung von Wien den Europäern militärisch
und auch wirtschaftlich in die Quere kam, wurden die “Orientalen” jedoch zunehmend
als Inspiration für exotische Moden, als Handelspartner und vermeintliche Vorbilder
für einen Lebensstil großer sexueller Freizügigkeit wahrgenommen. Trotz der größeren räumlichen und physischen Nähe der Kulturen, wurden auch die Osmanen vor allem zur Projektionsfläche europäischer Phantasien und Wunschvorstellungen.
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Spätestens im 20. Jahrhundert wird die Türkei schließlich zum “nahen” Orient. Nach
einem signifikanten Intermezzo, in dem Atatürk das Land zum Zufluchstsort verfolgter deutscher Advangarde machte wurde die Turkei zum Land der Emigration nach Europa. Die Alltagspräsenz der Menschen, die auf diese Weise neue Lebensmittelpunkte gefunden haben, aber nicht zuletzt auch die Arbeit türkischstämmiger Intellektueller und KünstlerInnen, verleihen türkischer Kultur und dem muslimischen Glauben seither einen wichtigen Einfluss in den meisten Staaten Westeuropas.
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Sydney 1987
Im Jahr 1987 stellte Tony Clark eine erste Fassung seines Projektes einer Villa Sino-
Romana in einer Ausstellung in der Galerie Roslyn Oxley in Sydney vor. Das Projekt
bestand aus einer Serie von Gemälden, in denen Clark klassizistische Formensprache mit Chinoiserien verband. Klassizismus traf also auf einen eher phantasmagorischen Blick auf Chinesische Kultur. Die Villa Sino-Romana verstand sich dabei als eine alternative Herangehensweise an das ‘Problem’ von Stil im Post-Aglozentrischen Australien.
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Tony Clark 04, 11qm, 2018
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Obwohl es seit dem 19. Jhd. eine kontinuierliche Einwanderung aus asiatischen Ländern – vor allem aus China – gab, fanden beispielsweise asiatisch stämmige Kulturschaffende noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem über ihre Assimilation Eingang in die von der öffentlichen Wahrnehmung akzeptierten Kultur.
In den 90er Jahren bis zur Jahrtausendwende fand in Australien ein bedeutender paradigmatischer Wandel statt. Die nicht-weißen Einwanderungsgruppen werden seither als prägend für das kollektive kulturelle Bewusstsein anerkannt. Australien lokalisiert sich bewusst und strategisch im Asiatisch-Pazifischem Raum.
”Reconciliation” und darüber hinaus eine Besinnung auf Bedeutung und Reichtum der indigenen Kulturen des Kontinents werden als eine gesellschaftliche und politische Aufgabe anerkannt. Als Einwanderungsgesellschaft kommt Australien heute damit aus deutscher Sicht eine Vorbildfunktion zu.
Tony Clark 09, 11qm, 2018
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Berlin 2018
In Berlin erweitert Clark das Villenkonzept um die Turquerie. Er trägt damit einem besonderen Phänomen Rechnung: Nach mehr als einem halben Jahrhundert der
Einwanderung von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern, vornehmlich der Türkei, ringt die Bundesrepublik immer noch um die Anerkennung einer Prägung der
kollektiven Kultur dieser Einwandergruppe. Noch unter Verkennung der im Grundgesetz festgeschriebenen Religionsfreiheit bleibt die Frage nach der Zugehörigkeit “des Islams” zu Deutschland ein nationaler Aufreger. Dafür gibt es einen Heimatminister. “Heimat” ist eine Baustelle, die viel Platz für die unterschiedlichsten Villen, Hütten und Paläste bietet. Vor allem aber kann Heimat der magische Ort sein, an dem sich Bewahrung und permanenter Wandel widerspruchsvoll vereinen. Clark selbst unterhält Lebensstandorte in Australien, Italien und Deutschland. Sein Blick auf Europa ist geprägt von einem großen Interesse an der Kulturgeschichte des Kontinents. Sein wohlinformierter künstlerischer Kommentar ist in Berlin auch gerade deshalb so interessant, weil Clark solches Wissen in Beziehung setzt zu seinen Erfahrungen, die er zu allererst in einer Kultur gewonnen hat, die wesentlich auf Immigration und Integration gründet.
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MyBerlinWall 2018: Anny und Sibel Öztürk
Der Villa Sino-Turk-Romana antworten die deutsch-türkischen Künstlerinnen Anny
und Sibel Öztürk mit einer Installation für MyBerlinWall in der Kantstraße: Wallhangings Floorlayings.
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Sie zeigen eine Arbeit aus großen, handbemalten Teppichen, die in ihrem Formenhaushalt “Klassiker” der Moderne zitieren. In ihrer, sich auf familiäre Erinnerungsgeschichten gründenden Formensprache, zollen sie mit ihren Teppicharbeiten ihrer Großmutter väterlicherseits Tribut, die eine, in ihrer Zeit erfolgreiche Teppichgestalterin in Rumänien war. Familiäre Erinnnerung verbindet sich mit kultureller Erinnerungsarbeit in Form einer Rezeption einer zeitgleichen, westlichen Moderne. In der Verschränkung dieser Ebenen, arbeiten sie aus einer Position heraus, in der sie mehr als ein kulturelles Erbe ihr Eigen nennen.
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Ihre Teppicharbeiten haben einen sehr großen dekorativen Wert, erschließen sich jedoch bei genauerem Hinsehen als Werke von bemerkenswerter erzählerischer Komplexität. Entscheidend in ihrer Arbeit jedoch, ist die Einlassung auf den jeweiligen Raum, den sie bespielen. Ihre Installation für MyBerlinWall läßt sich vordergründig sehr vermittelnd auf die besonderen Bedingungen einer Ausstellung in privaten Räumen ein. Auf der anderen Seite torpedieren die Künstlerinnen genüßlich die ihnen gewährte “Gastfreundschaft”.
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An gleichem Ort haben sie bereits im Jahr 2011 mit Unspeakable Home in einer überaus beeindruckenden Installation die unaussprechliche Evidenz der Übereinstimmung einer Erinnerungsgeschichte an den großelterlichen Haushalt mit dem Wintergarten von Adolf Hitlers Berghof in einen Charlottenburger Erlebnisraum verwandelt.
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Rafael von Uslar
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Photos von Boris von Brauchitsch
english version below

Tony Clark 28, 11qm, 2018

 

 

 

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Tony Clark:

Villa Sino – Turk – Romana

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A project for 11m2, Berlin
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At 11m2 Australian painter Tony Clark presents his designs for a hypothetical
Villa Sino-Turk-Romana.  Each painting acts as a substitute for another object or medium.
These are ”designs” for mosaics, for vases, for ceiling paintings and so forth. While
the painted images operate within the context of a tradition for Western painting, the
summoned objects adapt contemporary forms of chinoiserie and turquerie.
Meanwhile the villa offering both home and platform to such ambitious exoticism, has
its foundation in a resilient classicism following a roman tradition.
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In Berlin Tony Clark builds on his designs for a Villa Sino-Romana he exhibited in
Sydney in 1987. The show featured a series of paintings that combined a classicist
design vocabulary with historical chinoiserie. His exhibition set a visible artistic
example for a significant political and cultural paradigmatic change that occurred in
Australia in the early 1990s. A society with unswerving Anglophilia and Eurocentrism
opened up to the reality of more than a hundred years of immigration from Asia, only
to ultimately accept the continent’s localization in the pacific area!
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Enriching the villa with the wonders of turquerie is Clark’s tribute to Berlin, to
Germany, to a country that may have had a late coming out as a nation of
immigration. It is a country however that seems to never grow tired of discussions,
even on the highest political level, concerning the issue whether a religion – practised
by millions of it’s citizens – is part of the national identity in a sense of “belonging” or
not.
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What better places for a villa in a classicist tradition than that of a porter’s lodge in
Berlin’s Mommsenstraße? What better neighbourhood than those early 20th century
Charlottenburg collector’s households which payed tribute to “exoticism” in the best
sense of the word? Which better strategy to achieve unambiguity in a narrative
discourse than to implement each form of statement as a self declared substitute for
a quest for multiple acts of cultural translation? What better place than Australia to
get a clear perspective what needs to be addressed in Germany?
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Represent
Tony Clark relocates the Villa’s garden into the 11m2 “garage” which he outfitted
completely with his paintings to serve as backdrop and stage for the performance of
Australian dancer Shelley Lasica staging their long-term collaborative project
Represent
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In her performance Lasica draws upon the motifs of the Portland Vase, an antique
object of considerable fame in Britain. Scholars have as yet not been able to
successfully decipher the patterns of the vase’s narratives. With her interpretive
dancing Shelley Lasica issues yet another translation in the context of this Villa Sino-
Turk-Romana at 11m2 – a project not exactly sparing with acts of translation in the
first place!
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    Villa Sino-Turk-Romana @ 11m2
The Villa Sino-Turk-Romana is an open invitation to broaden one’s horizon. It is
directing the focus on the affluence of a culture that opens up towards what may
appear to be foreign only to ultimately recognize the “foreign” in a new form as part of
the culture’s very own multifaceted identity.
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Thus, employing an ironical and critical view on exoticism along with some
intercultural bridge building between Australia and Germany, the exhibition has the
acknowledgement of cultural influences of immigrant communities on immigration
societies for a theme.
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Most importantly however the Villa, featuring Tony Clark’s works, provides for
fascinating, conceptually clever, highly ironic and yet aesthetically compelling
painting.
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Rafael von Uslar
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Garagenakademie mit Hans Georg Berger

Leigh Bowery – The Serpentine Performance

IMG_1001_preview

Photos: Gary Carsley

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Amin El Dib – Jacques

Mehr als ein Blick

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Jacques“, eine Installation von Amin El Dib

Amin El Dib bespielt die 11m2 mit einer fast den gesamten Wand- und Fensterraum erfassenden Installation, die in ihrer Gestaltung auf nur ein einziges Bildmotiv zurückgreift.

In einem quadratischen Format erscheint – in einer Schwarz-Weiß-Photographie – das Gesicht eines älteren Mannes, der lächelnd direkt in die Kamera blickt. Diese scheint ihm bedenklich nahe zu rücken so dass jede Falte, jeder Bartstoppel im Fokus erscheint. Die zwangsläufige Distanzlosigkeit wird durch den Bildausschnitt verstärkt, der kompromisslos Augen und Mundpartie in Szene setzt. Am rechten und linken Bildrand werden zwar Konturen des Kopfes sichtbar, in der kontrastreichen Lichtregie kommt diesen Details jedoch eine rein rahmende Funktion zu, als Licht- und Schattenkontrast. Der Bildausschnitt wirkt wie ein Zoom, eine technisch mögliche Nahaufnahme, die einen Blick auf das Gesicht eröffnet, der sich dem Gebot menschlichen Individualabstandes folgend in der Alltagswahrnehmung als unschickliche Nähe verbieten würde. Diese ungewöhnliche Nähe jedoch schafft im Gegenzug eine erstaunliche Distanz zu dem Abgebildeten als wahrzunehmender Person und rückt den von der Kamera eingefangenen, vom Bildausschnitt hervorgehobenen Gesichtsausdruck in den Vordergrund der Aufmerksamkeit. Im Zusammenspiel von Mund, Augen und Gesichtsmuskulatur ergibt sich ein Ausdruck, der in einem ersten Schritt als ein freundliches, mildes Lächeln deutbar scheint. Bei längerem Hinsehen jedoch wird man im Ausdruck der Augen eines Anfluges von Traurigkeit gewahr, der das Lächeln aus der Freundlichkeit in eine unerwartete Schmerzhaftigkeit entgleiten lässt. Beide, so scheinbar widersprüchlichen Eindrücke vermittelt die Photographie dauerhaft.

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Bei diesem Bild mit einer Detaildarstellung eines männlichen Gesichtes scheint es sich um ein Porträt zu handeln. Eine solche Vermutung liegt auch schon deshalb nahe, da der Titel auf einen Eigennamen und damit mutmaßlich auf eine Identifizierbarkeit des Dargestellten weist. Das Bild eines Kopfes oder einer Person ist meist dann mehr als das Bild, das einen Kopf oder Körper bzw. die Gestalt eines Menschen zum Gegenstand hat, wenn „die Individualität des Porträtierten zur Darstellung“i kommt. Es sollten die „Einheit der geistigen Individualität ausgeprägt und der geistige Charakter das Überwiegende und Hervortretende” sein. Dies empfiehlt eine Konzentration auf die Züge und Partien, „in welchen diese geistige Eigentümlichkeit sich in der Klarsten und prägnantesten Lebendigkeit ausspricht.“ii Dies scheint für die der Installation zugrunde liegende Photographie erst einmal uneingeschränkt zu gelten. Der Umgang mit diesem Bild jedoch zieht solche vermeintliche Eindeutigkeit wieder in Zweifel.

Stattdessen lässt sich vielmehr die weitaus spannendere Frage stellen, ob der Abgebildete auch tatsächlich als der Dargestellte im Vordergrund steht, oder ob er nicht allein als Bildanlass erscheint, während als der eigentliche Bildgegenstand die Ambiguität seines mimischen Ausdrucks in den Fokus rückt.

Amin El Dib zeigt „Jacques“ als ein auf transparenter Folie gedrucktes „Dia“ im Fenster und als ein in serieller Wiederholung zum Muster umfunktioniertes Grundmotiv einer Phototapete an drei der vier Wände des Ausstellungsraumes.

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Das Hochformat des Fensters wird von einem weißen Rahmen geschlossen, der das Quadrat des transparenten Bildes umschließt. das sich wandelnde Licht und damit auch sichtbare Elemente des Außenraumes verändern das Erscheinungsbild der Photographie beständig. in seiner in Teilen gegebenen Transparenz wird es zum „offenen Kunstwerk“, dass, indem es Licht und Raum in sich aufnimmt, selbst als Standbild eine gewisse filmische Qualität erlangt.

Als Tapete mit einem allein auf einer Photographie beruhenden Motiv bildet sich eine Musterstruktur, über die sich in steter Wiederholung aneinanderreihenden quadratischen Bildformen. Dazu kommen die, das Gesicht rahmenden Licht- und Schattenflächen, sowie die, sich in einer Art abstrakten Konstellation auflösenden Stellung von Augen und Mundpartie. In der Unzahl der Wiederholungen wird damit schließlich ein ornamental strukturiertes Kachelmuster sichtbar, innerhalb dessen, der porträthafte Charakter der Gesichtsdarstellung, zunächst einmal zurücktritt.

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Kunsthistorisch haben Porträts oder porträthafte Abbildungen in innerbildlichen Wiederholungen und in Serien im Werk von Andy Warhol ein wichtiges Vorbild. In dessen Werk jedoch hat neben den Bildmotiven die bildnerische Sprache des Künstlers, über die Eigendynamik von Schraffuren etwa und die Eigenständigkeit von Farbflächen, eine große Präsenz. El Dibs photographische Tapete hingegen bleibt, abgesehen vom Moment der Wiederholung, gänzlich bei der Gestaltung der ursprünglichen Photographie. Das wiederum hat Konsequenzen in der Wahrnehmung des Motivs als Muster. Dieses lässt sich zwar mit wenigen Blicken erfassen und doch tritt damit in der Anschauung keinerlei Beruhigung ein. Die Präsenz des photographischen Gesichtsbildes forciert eine genauere Betrachtung des verstandesmäßig als Muster längst Durchschauten. Das Auge forscht zunächst einmal einigermaßen rastlos auf der Suche nach möglichen Veränderungen, nach etwaigen minutiösen Variationen des Ausdrucks. Es folgt damit einer naheliegenden Erwartung oder Hoffnung auf ein quasi filmisches Ereignis, das in langen Einstellungen eine Unzahl von Bildern nicht in Bewegung, sondern in additiver Dauerpräsenz zeigen könnte. Und doch bleibt jegliche Hoffnung auf Veränderung und Variation enttäuscht. Zu sehen ist immer nur das immer gleiche Bild.

Damit sieht sich der Betrachter einem direkten bildlichen Blick ausgesetzt, der sich in unüberschaubarer Unzahl wiederholt. Ursprünglich, so lässt sich dies rational erschließen, ist es ein Blick, gerichtet auf die Linse einer Kamera, in einer nicht näher bestimmten zurückliegenden Zeit, an einem nicht näher bestimmten anderen Ort. Es handelt sich um ein auf Papier ausgedrucktes, Bild gewordenes vergangenes Ereignis. Und dennoch kann der Betrachter nicht umhin, diesen Blick als einen, im Moment seiner Betrachtung, auf sich als Person gerichteten wahrzunehmen. Jean-Paul Satre hat auf eindrückliche Weise die Scham beschrieben, die dem „Vom-Anderen-gesehen-werden“ folgt, unmittelbar bevor das eigene Universum im Abflussloch mitten im Sein des Anderen verrint.iii

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In der eigenen Wahrnehmung bleibt sich ein jeder so das Zentrum des Geschehens und in dieser Installation sind es die vielen Augen, die auf dieses eine Zentrum ausgerichtet sind.. Das eigenwillige dieser Erfahrung bleibt, dass noch die Augen längs der Wand, aus der Tiefe des Raumes ihre gleichzeitige Gerichtetheit demonstrieren. Es stellt sich ein Gefühl der Unbeherrschbarkeit und Desorientierung ein und so schafft diese Tapete in Bezug auf die Wahrnehmung des Blicks eine nachhaltige Überforderung.

Über das Erlebnis existentialistischer Blickerfahrungsdramen hinaus eröffnet die Installation zudem eine Perspektive auf ein weiteres, interessantes photographisches Phänomen. In der schier endlosen Wiederholung wird das ursprünglich Singuläre des photographischen Porträts aufgehoben und in eine unendlich fortsetztbare Musterstruktur überführt. Eigentlich bedeutet dies eine Abwertung des Bildes zum Muster. In der Wahrnehmung des Raumes jedoch ist zu beobachten, wie sich ausgerechnet in dieser Struktur eine Steigerung der Ausdrucksstärke des eigentlichen Bildgegenstandes erreichen lässt. Denn, nimmt man Abstand und konzentriert sich auf die Addition der je einzelnen Gesichtsabbildung und folgt ihnen mit der Distanznahme des Betrachters, nicht der des Betrachteten, dann erlebt man eine maßlose Steigerung der Ambiguität im Ausdrucks des Dargestellten.

Amin El Dib gestaltet mit seiner Installation „Jacques“ in den 11m2, mit einfachen Mitteln, einen Raum als physisch erlebbare Herausforderung an die Wahrnehmung eines einzigen photographischen Bildes.

Rafael von Uslar

i Hans Georg Gadamer: Die Okkasionalität des Porträts. In: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen 1990, S. 149ff.

ii Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik. In: Band 3, Werke 15, Frankfurt am Main 1990, S. 102.

iii Jean-Paul Satre: Der Blick, in: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Onthologie, Hrsg. von Traugott König, Hamburg, 2009, S. 457ff.

Pop-Up Kantstrasse

Für einzelen Projekte verlassen die 11m2 ihre großzügigen Räume in der Mommsenstrasse und öffnen anderenorts ihre Türen. For specific projects 11m2 leave their vast premises at Mommsenstrasse to open their doors elsewhere.
 11m2 Fenster rechts

Pünktlich zum Gallery Weekend stellten sich die 11m2 auf 111m2 mit einem „Sampler“ Pop Up Projektraum vor. Am Freitag, dem 28.04.2017, eröffneten wir ab 16:30 bis ca. 21:00 Uhr, in der Kantstrasse 147, am Savignyplatz, sehr zentral gelegen zwischen Uhland Apotheke und Schwarzem Cafè!

Während des gesamten Wochenendes präsentierten wir unseren Projektraum in einer Art Porträt, das zum einen auf vergangene Projekte verweist, deren Arbeiten nun zum ersten mal in einem Raum zeitgleich und nebeneinander zu sehen waren. Zum anderen gewährten wir einen Ausblick auf kommende Veranstaltungen und stellten einige der Künstler vor, die wir in diesem und im kommenden Jahr zeigen möchten.

11m2 Reisinger Ansicht 2

Und das bot der „Sampler“:
Von Troy-Anthony Baylis, einem indigenen australischem Künstler, der strickt, stellen wir frühe Arbeiten vor, die er als „First Queer and The Early Sunsets“ bei MyBerlinWall ausgestellt hatte.

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Leigh Bowery, der legendäre australische Performance Künstler wird mit einem Projekt von museologischem Rang in den 11m2 zu sehen sein. Der „Sampler“ gewährt einen Einblick in eines seiner Skizzenbücher in digitaler Form. Die meisten dieser Zeichnungen sind dabei überhaupt noch nie und nirgends gezeigt worden!

Der deutsche Photograph, Kurator und Autor, Boris von Brauchitsch, wird mit einem konzeptionellen, auf Phtotographie und Texten basierenden Rauminstallation, die nächste Ausstellung bei uns bestreiten. Zur Einstimmung zeigen wir einige ältere Photographien des Künstlers.

11m2 Boris von Brauchitsch.

Tony Clark, einer der einflussreichsten australischen Maler seiner Generation, documenta Teilnehmer, stellt für den „Sampler“, eine künstlerische Visitenkarte in Form eines, eigens für dieses Ereignis geschaffenen Selbstporträts vor. In einem wuchtigen Rahmen des 19. Jhd. tritt er somit als Poster Boy unserer Veranstaltung auf! Zeitgleich bespielt Tony das Fenster der 11m2 mit einer weiteren Malerei: „The Birds“.

11m2 Tony Clark Boris v. Brauchitsch

Gary Carsley ist zur Zeit mit seiner Installation für „The National 2017“ im MCA, Sydney, erfolgreich. Als Ankündigung seiner Projekte in der Mommsenstraße zeigt er eine großformatige Photographie eines seiner „versteinerten“ Stühle. Dieses, mit einem kulturanthropologischen Narrativ infizierten Möbel des 19. Jhd., stammt ursprünglich aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums Berlin.

11m2 Gary Carsley Kopie

Friedrich Gräsel, einer der originellsten Bildhauer der westdeutschen Nachkriegsmoderne, ist mit einem Hauptwerk im öffentlichen Berliner Raum vertreten. Dieses jedoch vergammelt seit Jahrzehnten bis zur eigenen Unkenntlichkeit. Wir werden eine umfangreiche Auswahl seiner Graphiken zeigen in einen Kontext gerückt mit Werken internationaler Künstler, die sich Gräsel zum Thema nehmen. Unser wichtiges Ziel: „Gräsel-awareness!“

11m2 Friedrich Gräsel

Edith Kollath schafft Installationen und Skulpturen, von großer poetischer Wirkungsmacht. Unser Partner-Projektraum „Marterie“ in Offenbach, zeigt zur Zeit ihre Ausstellung „Addressable Volume“. Im „Sampler“ gewährt Edith einen Einblick darein, was einen Stein in seinem Innersten zusammenhält.

11m2 Edith Kollath 2Kollath 3

Anny & Sibel Öztürk zeigen „Hans Arp“ aus ihrem grandiosen Sammlerkabinett für die 11m2 und eine Monstera Deliciosa als Verweis auf ihr nachhaltig beeindruckendes „unspeakable home“ für MyBerlinWall. Ein Jahr lang fand hier die einzigartige Überblendung von Adolf Hitlers Berghof mit dem großmütterlichen Wohnzimmer der Künstlerinnen in Istanbul statt. Wir bieten eine werkmonographische Publikation zu dieser Arbeit an.

11m2 Anny und Sibel Öztürk

Lars Reimers und Mickaël Marchand gewähren einmal mehr Einblick in ihre Archive mit hunderten Photos ungewöhnlicher Installationen aus verlorenem Strandgut im öffentlichen Raum.

11m2 Reimers

 

Geo Reisingers großformatiges New York Panorama ist ein zweites mal in Berlin zu sehen. Anders, als in den 11m2 zeigt es sich in der Kantstrasse ein wenig offener. Einmal mehr bildet sich ein höchst ungewöhnlicher Ort in New York, an dem unbedingter ornamentaler Wille die Örtlichkeit bestimmt.

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Dirk Schlichting schafft aufwändige Werke im Stil der sogenannten „Realkunst“. Handwerklich erstaunlich aufwändig, verblüffen seine Arbeiten mit ihrem Hintersinn und einem sehr feinen Ironiebewußtsein. Dirk stellt sich für die 11m2 auf 111m2 passenderweise mit einer höchst kleinformatigen Installation vor.

11m2 Schlichting

Klaus Staeck hat die politische Kunst der alten und der neuen Bundesrepublik geprägt, wie kein Anderer. Parallel zu dem bekannten, sehr umfangreichen Werkkomplex politischer Plakate, besteht ein wunderbares Universum von Collagen im Postkartenformat. In den 11m2 planen wir, den bislang umfassendsten Überblick, dieser bislang weniger bekannten Werkgruppe zu zeigen. Im Kontrast zu der schieren Unmenge von unikatär Papiergeschnittenem im Taschenformat, auf die wir in den 11m2 hoffen, zeigen wir nun zur Einstimmung zunächst einige wenige Motive.

11m2 Klaus Staeck

Der 11m2 Pop Up Sampler ist ebenso eine erste Bestandsaufnahme, wie auch ein Ausblick und schließlich die einmalige Gelegenheit, die vielen, aufeinander folgenden künstlerischen Einzelpositionen, einmal im räumlichen Zusammenspiel zu erleben.

Wir haben uns auf viele spannende Begegnungen an diesem Wochenende gefreut und hoffen sehr, die Freunde der 11m2 nach Kräften zu mehren. Deshalb auch unsere Bitte, die Einladungen zu unseren Vernissagen weiterzureichen und Menschen, zu deren Berufung im Leben es eigentlich auch gehören sollte, Freunde kurioser Projekträume zu sein, bitte einfach mitzubringen!

Ausstellungsdauer: 28. – 30. April

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Boris von Brauchitsch – 9

Die Welt im Maßstab von 9 auf 11m2

Boris von Brauchitsch 9 bei 11m2 Berlin

Um auf die gewaltige Flut privater Photos der immer gleichen Sehenswürdigkeiten zu reagieren, setzte mein Vater, der Knipser, sich die Regel, nichts zu photographieren, was er als Postkartenmotiv professionell abgelichtet erwerben könnte. Und so reihen sich an die Festmeter von Alben, gefüllt mit Bildern der immer gleichen Personen, die in den immer gleichen Situationen jedoch zu verschiedenen Zeiten abgelichtet wurden, zwei Bände mit Ansichtskarten.

9, 11qm, juni 2017 multi

Um auf die gewaltige Flut privater Photos der immer gleichen Sehenswürdigkeiten zu reagieren, setzte sich Boris von Brauchitsch, der Photograph, das Regelwerk eines künstlerischen Konzeptes: An sämtlichen Orten, Städten und Landschaften seiner Reisen, wollte er fortan darauf verzichten, die bereits im Vorhinein sattsam bekannten Motive abzulichten. Stattdessen würde er sich auf die je eine Beobachtung einer Besonderheit am Ort konzentrieren und dieser die strikt beschränkte Anzahl von 9 Photos widmen. Den Bildern – als Quadrate formatiert und zu Blöcken angeordnet – wird ein essayistischer Text zur Seite gestellt.

In locker plauderhaftem Ton werden hier, angereichert mit allerlei Anekdotischem zur Reise und etwaigen Begleitern, die Motive aufgeschlüsselt, ihre Entdeckung dokumentiert und meist mit einem pointierten, kulturelle Analyse behauptenden Kommentar bedacht. Photoblock und Text zusammen ergeben so schließlich ein in sich abgeschlossenes Narrativ.

Boris von Brauchitsch stellt mit seinem Projekt die Frage, wer oder was wen legitimiert, etwas mit der Würde des Sehenswerten auszuzeichnen. Einer kollektiven Einigung auf einen möglichen historischen und kulturellen Konsens stellt er eine radikal subjektive Perspektive gegenüber. In 9 bestimmt von Brauchitsch im Alleingang, welchem Motiv repräsentativer Charakter für einen bestimmten Ort zukommt. Dabei wird das Detail, und die sie begleitende erzählerisch aufbereitete Beobachtung sowohl zu einer Darstellung des Orts als auch zu einem Abbild desjenigen, der seinen eigenen Blick hier dokumentiert. 9 das ist ein Reiseporträt ebenso sehr wie ein Selbstporträt.

Ihr reduziertes Format, der serielle Aufbau und ihre Anordnung in Blöcken nimmt die einzelnen Photographien mit ihren individuellen Erzählungen zurück zugunsten der sich in der Serie illustrierenden konzeptionellen Idee. Hier erinnert der Umgang mit den Motiven an den Einsatz von Photographie in der konzeptionellen Kunst, der Spurensicherung und Bereichen der individuellen Mythologien. Zugleich bewirkt die Anlage zum Kachelfeld eine Betonung ornamentaler Qualitäten. In ihren besten manchen Fällen sind die 9 Aufnahmen einfach Typologien spezifischer Objekte, in anderen Reihungen, die als chronologische Folge gelesen werden können, in wieder anderen fügen sich die 9 Einzelbilder als konstitutive Musterstrukturen zu dem einen wohlgestalteten Gesamtornament.

9, 11qm, Juni 2017, 07

Ein ausgesprochen gut entwickeltes Ironiebewusstsein und der an umfänglichem Bildwissen geschulte Blick des Kunsthistorikers sind bei von Brauchitsch das Rüstzeug für Photographien, die zunächst wie lapidare Schnappschüsse erscheinen, um schließlich die Betrachteraufmerksamkeit mit komplex gestalteten Bilderzählungen zu bannen.

9 zeigt die untergegangene Schönheit Berliner Brandmauern, die inspirierende graphische Ordnung marokkanischer Wahlwerbung, die traumbildhafte Poesie apulischer Scheintüren, den Maßstäbe setzenden griechischen Beitrag zur konkreten Plastik (eat that documenta!), die Internationalität der Playa del Inglés als durchdachtes Entsorgungskonzept, ebenso wie die tiefe Traurigkeit spanischer Baumschändungen. Kurzum, hier gilt es die ganz großen Erzählungen in sorgsam abgezählten, kleinformatigen Bildern nachzuverfolgen.

Zu den amüsantesten Geschichten gehört zweifelsohne der Photoblock zur Stadt London. Es geht um die längst überfällige Feststellung, das Reiterdenkmäler dafür zu tadeln sind, dass sie Pferde von hinten zeigen. Und da dies in der Tat kein erbaulicher Anblick ist, existieren auch nur 5 statt 9 photographische Belege solchen Missstandes.

Dabei werden hier einmal mehr die engen kulturellen Verbindungen der abtrünnigen Briten mit dem so wenig geliebten Kontinent deutlich: 1979 präsentierte Daniel Spoerri in seinem Le Musée sentimentale de Cologne an zentraler Stelle einen riesigen in Bronze gefassten Pferdehintern und daneben den Kopf von Wilhelm III. Dies ist, was vom kriegszerstörten Reiterstandbild des Preußenherrschers letztlich in der Stadt verblieb und nicht in „Eifel und Westerwald eingeschmolzen“, als „Eier, Käse und Butter nach Köln“ zurückkehrte.*

Königskopf an Pferdepobacken – auch das ist schließlich eine auserzählte preußische Geschichte und ein zukunftsträchtiger Tipp für London.

Aber es sind schließlich auch die vielen Einzelbilder, denen nachzuspüren lohnt: Wie etwa das einer geschlossen sich präsentierenden Mauer in Barcelona, der von einem Vespaspiegel ein ebenfalls geschlossenes Dreibogenfenster einem Orden gleich verliehen wird. Zurück bleibt eine streng graphische Zeichnung vor malerischem Hintergrund mit traumhaftem Sujet.

9 das ist eine Reise für sich. Es ist eine konstruktive Anregung, den Blick zu rejustieren und ernster zu nehmen, was da so alles auch ins eigene Auge fällt. 9 das ist ein Buch und das ist eine Ausstellung. In Berlin wird daraus eine Installation, in der ein Raum als ein nach außen gestülpter Globus auftritt, auf dessen Längengraden sich die Erzählungen verorten. 9 das ist nichts weniger als die Welt im Maßstab von 9 auf 11m2.

Rafael von Uslar

9, 11qm, juni 2017, vernissage multi

* Daniel Spoerri: Le Musée sentimental de Cologne, hrsg. Marie-Louise Plessen, Daniel Spoerri, Wulf Herzogenrath, Köln, 1979, S.149

 

Troy – Anthony Baylis – we’re justified and we’re ancient

Troy – Anthony Baylis – we´re justified and we´re ancient

18.Mai – 11.Juni 2016                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 scroll down for English version
^3E78C8C57C30DD48E2F722A8CB53F4018E9E294E9C50D110B2^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Troy-Anthony Baylis ist ein indigener australischer Künstler, der strickt. Er ist darüber hinaus als Kurator, Autor und Kulturtheoretiker tätig.

Seine künstlerischen Arbeiten basieren in zunehmendem Maße auf kulturhistorischen Recherchen. Er verbindet Traditionen seiner Kultur, der Jawoyn in Australiens Northern Territory, mit Aspekten zeitgenössischer Kunst, Populärkultur und Queer-Theorie. Seine Auseinandersetzungen mit anderen zeitgenössischen Künstlern gestaltet er als kreative Dialoge. Dabei überzeugt vor allem die illustre Mischung seiner Gesprächspartner, wie etwa Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Cary S. Leibowitz und Barbara Cartland!

In seiner Ausstellung we’re justified and we’re ancient zeigt Baylis mit Hey Ya! (2013) und Hey Ya!/Ay-O (2016) zwei im Wortsinne wahrhaft raumgreifende Skulpturen, welche die Form von  Mimi spirits nachahmen, um sie im „Mu Mu Land“ der 11m2 im freien Spiel lebendig werden lassen.1 Kräftig in ihrer Farbigkeit, stark gemustert sind sie doch weich und nachgiebig in ihrer Materialität, denn sie bestehen aus Wolle und wurden von Hand gestrickt. Ihre Körperhaftigkeit und spielerische Präsenz verleihen ihnen eine große Lebendigkeit. Dabei verbleiben sie in ihrer Darstellung ohne Abbildhaftigkeit, sie sind weder ein Tier noch ein Pflanze.2 In leuchtenden Farben entwickeln sich Musterstrukturen in die Höhe, die bei engem Strick dem Äußeren der Skulpturen eine an Reptilienhaut erinnernde Oberfläche verleihen. Die Muster erscheinen als in Schwingungen versetzte Bewegungen, seismographischen Aufzeichnungen nicht unähnlich und sind in ihrem Verlauf von einer fast filmischen Vorwärtsbewegung geprägt. Der Strick verleiht dem ganzen dabei eine an Pixel erinnernde Feinrasterung. In den Mustern dieser Erzählung gibt es immer wieder unerwartete Brüche und Wechsel mit unterschiedlich deutlich hervorgehobenen Schnittstellen. Solche Brüche können in verschiedensten Kulturen sehr Unterschiedliches bezeichnen. In den Raffia-Stickereien der zu den Kuba gehörigen Shoowa im Kongo etwa dokumentieren oft sehr abrupte Unterbrechungen im Muster Ortswechsel der stickenden Person.3 Sie werden aber ebenso in Verbindung gebracht mit Offbeat Phrasierungen in der afrikanischen Musik.4 Bei den Nordamerikanischen Pomo Indianern fungieren Abweichungen in den Ornamenten von Korbgeflechten als Ein-und Ausgänge der in den Ornamenten lebenden Geister.5 An all dies lässt sich ohne weiteres auch bei Hey-Ya! und Hey Ya!/Ay-O denken. Denn die Mimis sind altehrwürdige Geister und Trickster.6 Vor dem Erscheinen der Aborigines hatten sie Menschengestalt und bemalten Felsen. Nach ihrer Begegnung mit den Aborigines, denen sie so entscheidende Dinge, wie das Kochen und das Malen beigebracht haben, verwandelten sie sich in lange dünne Wesen. Sollte dies nun exotisch erscheinen, so sei daran erinnert, dass Flexibilität in der Erscheinungsform nicht nur Mimis vorbehalten ist, sondern schließlich auch in der westlichen Kultur eine große Rolle spielt: Von einer sich in einen Lorbeerbaum verwandelnden Dame, bis hin zu sprachbegabtem brennenden Unterholz und sich als liebenswerte Haustiere gebarende Höllengestalten.7 Im Zweifelsfall regeln Pharmazeutika Größenverhältnisse und Wahrnehmungsfragen: „go ask Alice!“

Foto: Boris von Brauchitsch

Ein komplexer Dialog zwischen Charles Strouse, Martin Charnin und Patti Smith sowie zwischen Troy Anthony Baylis und Cary S. Leibowitz bildet die Grundlage für Baylis zweite Installation Tomorrow.8 Leibowitz mit Text gestalteten Strickmützen wurden von Baylis mit traditionellen Dillybags der Aborigines gekreuzt um daraus hochgeschossene Wollskulpturen zu entwickeln, die sogar noch mehr Raum für Text bieten als die von Leibowitz gewählten Ski-Bommelmützen. Nachdem Baylis in Berlin einer auf „repeat“ eingestellten Coverversion des Liedes Tomorrow aus dem Musical Annie, interpretiert von Patti Smith, zu lange ausgesetzt war, kehrte er tief-traumatisiert nach Adelaide zurück, um den gesamten Liedtext auf Mützen zu stricken. Diese haben seitdem unterschiedliche Installationsformen erfahren. Die gesamte Arbeit war 2009 als ein an Richard Longs Steinkreise erinnernde Bodenskulptur in der Ausstellung Resonance, in Adelaide zu sehen und als eine, Elemente einer musikalischen Partitur aufnehmende Wandskulptur bei MyBerlinWall.

Troy Tomorrow Claus OriginalFoto: Claus Rottenbacher, Berlin      Ausstellungsansicht Troy-Anthony Baylis – Tomorrow / MyBerlinWall

Einzelne Elemente der Skulptur hat Baylis an geographisch höchst unterschiedlichen Orten in freier Natur photographiert und diese Bilder in einer ganzen Reihe von Ausstellungen gezeigt. In den 11m2 bewegt sich Tomorrow im lockeren Wechsel zwischen Wand und Raum. Dies erlaubt dem Betrachter der Skulptur unter ihren Mützensaum zu schauen und sich dabei gewissermaßen behütet zu fühlen. Die Skulptur ergeht sich in einem grau in grau. Ihre Installation jedoch fordert dazu heraus das Kinn zu heben, zu lächeln und zu lesen: „The sun will come out tomorrow. So you gotta hang on ´til tomorrow, come what may!“ Und da Bildbetrachtungen bekanntlich Zeit erfordern, stellt sich in der Betrachtung in etwa dass ein, was den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildete: Tomorrow auf „repeat“!

 

^40D2F6C358D33F2D614D44E16DAD5CF0771EDA4353F852DB99^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Die Ausstellung we’re justified and we’re ancient wird ergänzt durch die Installation

First Queer and The Early Sunsets bei MyBerlinWall. link

Zur Ausstellung sind zwei Editionen erschienen.

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Rafael von Uslar

1 The KLF: Justified and Ancient (Stand by the Jams), 1991; Andrè 3000 für Outkast: Hey Ya!, 2003; Ay-O, der selbsterklärte „Rainbowman“, ist ein japanischer Fluxus-Künstler.

2 Am an animal and a plant ist Text und Titel einer Skulptur von Baylis aus dem Jahr 2008.

3 Diesen Hinweis verdanke ich Klaus Herford.

4 Robert Farris Thompson, African Art in Motion, Los Angeles, 1974, S. 10-13.

5 Claude Lévi-Strauss: Sehen, Hören, Lesen, Frankfurt am Main, 2004, S. 157.

6 Meine Information zu den Mimis verdanke ich der Website des Australian Museum und dem Katalog zu BOO! Aboriginal Ghost Stories And Other Scary Matter, kuratiert von Troy-Anthony Baylis, Tandanya, 2016 Adelaide Festival of Arts.

7 Zu den Dämonen siehe: Stefan Lochner: Weltgericht, Köln, 1435.

8 Tomorrow stammt aus dem Musical Annie: Charles Strouse (Musik), Martin Charnin (Liedtexte), Thomas Meehan (Buch), 1977. Die Coverversion von Patti Smith ist veröffentlicht auf Land (1975-2002), 2002.

 

 

Fotos: Geo Reisinger, Berlin        /Ausstellungsansicht Troy-Anthony Baylis – First Queer and The Early Sunsets/MyBerlinWall

 

 

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Troy – Anthony Baylis – we´re justified and we´re ancient

18.May – 11.June 2016

^CE429B086BFD8AFAD4F3BB9BE504744E20F9C25ED37154BE56^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

Troy-Anthony Baylis is an indigenous Australian artist who knits. Furthermore he works as a curator, author and cultural theorist. Increasingly his art-works are based on historically grounded cultural research. He connects traditions of his Jawoyn culture from Australia’s Northern Territory with aspect of contemporary art, popular art and queer-culture. The implementation of his engagement with the positions of other contemporary artist’s takes the form of a creative dialogue. The illustrious mixture of his dialogue partners though is particularly interesting. To name just a few: Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Cary S. Leibowitz AND Barbara Cartland!

In his exhibition we’re justified and we’re ancient Baylis shows Hey-Ya! and Hey-Ya!/Ay-O, two truly space-consuming sculptures that channel traditional Mimi spirits, allowing them to come alive and play in the „Mu Mu Land“ of 11m2.1 Made from wool and hand-knitted they are vigorous in their colourfulness and strongly patterned, nevertheless they are soft and compliant in their materiality. Their bodily appearance and playful presence lends them great liveliness. Still their depiction remains without eminent likeness. Their pattern structures evolve in an upward movement and they seem neither an animal nor a plant.2 Tight knitting lends the external side of the sculptures a surface reminiscent of reptile skin. These patterns appear to be derived from oscillatory movements, not unlike seismographic recordings and appear to unfold in a film-like forward movement while the knitting overwrites it all with a pixelated raster..

The patterns of this narrative continue to show unexpected faceting. Such fractious, abrupt changes in patternation can signify various things in different cultures: In the Raffia stitching of the Shoowa (who are part of the Kuba culture in Kongo) abrupt changes in pattern document a change of location of the person stitching.3 They have also been connected to offbeat phrasing in African music.4 The North-American Pomo Indians introduce interruptions into the ornaments of their basket weaving as gateways to be used by the spirits who actually reside in these ornaments.5 All this can also be imagined in the context of Hey-Ya and Hey-Ya!/Ay-O! After all the Mimis are venerable spirits and tricksters. Justified AND ancient they had human form and painted rocks before the Aborigines appeared.6 After their arrival the Mimi changed into thin, elongated beings and taught the Aborigines such essential matters such as cooking and painting. Now if any of this should appear exotic it should be remembered that a fluidity in appearances also plays an essential role in Western mythology: From the transformation of a lady into a laurel tree to linguistically gifted underwood on fire and creatures from hell posing as cute pets.7 In case of doubt, “go ask Alice!“

A complex dialogue between Charles Strouse, Martin Charnin and Patti Smith as well as between Troy Anthony Baylis and Cary S. Leibowitz forms the basis of Troy-Anthony Baylis second installation Tomorrow 8.  Baylis interbreeds Leibowitz’s knitted hats that feature text with traditional Aboriginal dillybags into tall wool-sculptures that offer even more room for text than Leibowitz’s chosen ski- bobble caps. While in Berlin, Troy-Anthony Baylis got exposed to a cover version of the song Tomorrow from the musical Annie, interpreted by Patti Smith set on “repeat” for just too long. Deeply traumatized he returned to Adelaide only to knit the entire lyrics of this song on dilly-hats gone sculpture. These have since then been installed in many different ways. The entire work has been on show as a floor sculpture reminiscent of Richard Long’s stone circles. It became a wall work picking up on the formal aspects of a musical score at MyBerlinWall 9. Single segments of the work have been installed and photographed by Baylis at geographically quite diverse locations. These photographs have since then been presented in various exhibitions. At 11m2 Tomorrow shifts in loose fluctuation between wall and space. This allows the viewer to actually peep underneath the sculpture’s hat’s brim and feeling somehow be- hat -ed.

^6740AE17C60795C0A86E6BD5EA245364868F5E9F63B4C78993^pimgpsh_fullsize_distrFoto: Boris von Brauchitsch

While the sculpture refrains in grey on grey, its installation reprises with a stick up of the chin, a grin, only to exclaim: „The sun will come out tomorrow. So you gotta hang on ´til tomorrow, come what may!“ And as generally known the reception of art requires time. Thus the viewing of this installation reinstalls something that defined the very point of departure for this work: Tomorrow on “repeat”!

The exhibition we’re justified and we’re ancient will be supplemented by the installation First Queer And The Early Sunsets at MyBerlinWall.

Rafael von Uslar

1 The KLF: Justified and Ancient (Stand by the Jams), 1991; Andrè 3000 for Outkast: Hey Ya!, 2003; Ay-O, the self-proclaimed „Rainbowman“, is a Japanese Fluxus-artist.

2 Am an animal and a plant is text und title of a sculpture by Troy-Anthony Baylis from the year 2008.

3 I thank Klaus Herford for this information.

4 Robert Farris Thompson, African Art in Motion, Los Angeles, 1974, p. 10-13.

5 Claude Lévi-Strauss: Look, Listen, Read, New York, 1997, p. 170.

6 I owe my information on Mimi spirits to the web site of the Australian Museum and the catalogue for BOO! Aboriginal Ghost Stories And Other Scary Matter, curated by Troy-Anthony Baylis, Tandanya, Adelaide Festival Of Arts 2016.

7 In regard to cute demons see: Stefan Lochner: Weltgericht, Köln, 1435.

8 Tomorrow originates from the Musical Annie: Charles Strouse (music), Martin Charnin (song-lyrics), Thomas Meehan(book), 1977. The cover-version of Patti Smith was published on Land (1975-2002), 2002.

9 MyBerlinWall features works and installations of contemporary artists in a private context.