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Anny und Sibel Öztürk – Das Auge des Sammlers

Anny und Sibel Öztürk

Das Auge des Sammlers

Eröffnung: 17.10.2014 ab 19 Uhr

 

11m2, mommsenstrasse 8, berlin

 

Fotos: Geo Reisinger, Sibel Öztürk

Anny und Sibel Öztürk
Das Auge des Sammlers

Für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers schaffen Anny und Sibel Öztürk ein intimes Sammlerkabinett. Auf 11qm gestalten sie Tableaus, die eigene Raumeinheiten entstehen lassen. Bilder realer Sammlerhaushalte und bekannter Kunstwerke werden zur materiellen Grundlage für fiktive Szenarien genommen. Wie in einer filmischen Abfolge eröffnet sich dem Besucher auf kurzen räumlichen Distanzen ein Raum nach dem anderen. Denn so überschaubar das Raumangebot des Ausstellungsortes auch sein mag, so vielfältig sind die Eindrücke unterschiedlicher räumlicher Zusammenhänge, welche die Künstlerinnen hier entstehen lassen.

Sammler haben ein sehr eigenwilliges Verhältnis zu den Dingen, die sie zusammentragen, meist, um sich mit ihnen zu umgeben. Nach Walter Benjamin ist „die wahre, sehr verkannte Leidenschaft des Sammlers … immer anarchisch, destruktiv. Denn dies ist ihre Dialektik: Mit der Treue zum Ding, zum Einzelnen, bei ihm Geborgenen, den eigensinnigen subversiven Protest gegen das Typische, Klassifizierbare zu verbinden. Das Besitzverhältnis setzt völlig irrationale Akzente.“1

In erster Linie bedeutet Sammeln sich Dinge anzueignen. Dabei geht der Zugriff auf den Gegenstand oder das Kunstwerk weit über den bloßen Erwerb, das Vom-Markt-Nehmen, hinaus. Ein Sammler stellt individuell geprägte Zusammenhänge her, denen er die Objekte seiner Begierde einfügt, sie unterordnet. Das einzelne Objekt steht nicht mehr für sich selbst, sondern ist immer auch Teil einer oder besser einer Vielzahl von Erzählungen, denen das Anliegen der Sammlung ein Leitmotiv verleiht.

„Der Besitz (ist) das allertiefste Verhältnis …, das man zu Dingen überhaupt haben kann“ Der Sammler eignet die Gegenstände seines Begehrens dem eignen Leben an macht sie zu einem Teil seiner Biographie. Sie werden für ihn zu einem Gegenstand der Selbst-Identifikation „er selber ist es, der in ihnen wohnt“.2 Diese Aneignung überformt den Blick auf den Gegenstand. Im Auge des Sammlers erscheint dieser daher stets im Filter der an ihn herangetragenen Bedeutung und biographischen Legendenbildung. Es ist dies eine „vollkommen phantasmagorische“ Form der Wahrnehmung, so wie sie Michel Leiris in seinem Essay „Das Auge des Ethnographen“ dem Durchschnittseuropäer, für dessen stets „durch seine weiße Mentalität“ gefilterte Sicht, auf außereuropäische Kultur attestiert.3

Anny und Sibel Öztürk machen diese überformende Aneignung der Bilder zum sichtbaren Anschauungsgegenstand und bestimmenden Thema ihrer Installationen. In diesem Projekt treten sie selbst als Sammlerinnen in Erscheinung. Ihre Bearbeitungen nehmen eigene Erzählzusammenhänge auf, um sie sogleich unmittelbar sichtbar, mit der bildlichen Syntax zu verweben – oder besser: zu verkleben. Schließlich bedienen sich die Künstlerinnen, neben verschiedenen Reproduktionstechniken, bevorzugt der Collage!

Picasso, Arp, Lichtenstein, Beuys, Polke, alles aus der einen Hand zweier Künstlerinnen, die in einem begehbaren Panorama, ihre Schätze und Kostbarkeiten ausbreiten und öffentlich zugänglich machen. Alles auf 11qm, in der Mommsenstrasse, in Berlin Charlottenburg.

Rafael von Uslar

1 Walter Benjamin, Lob der Puppe, in: Gesammelte Schriften, Band III, Hg. v. Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt a.M.,1991, S. 216.
2 Walter Benjamin, Ich packe meine Bibiliothek aus, in: Gesammelte Schriften Band IV-1, Hg. v. Tillman Rexroth, Frankfurt a.M.,1991, S. 396.
3 Michel Leiris, Das Auge des Ethnographen, in: Ethnologische Schriften Band 2, Hg. v. Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt a.M., 1985, S. 34.

picasso11qm

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Scott Redford – Burn Rate / Parallel World

Scott Redford – Burn Rate / Parallel World

23.05.2014 – 17.08.2014

Die in Berlin gezeigten Arbeiten beziehen sich auf einen Werkkomplex Redfords aus den 80er Jahren, dem das University Art Museum, der University of Queensland in Brisbane 2003 bereits eine nahezu retrospektive Überblicksausstellung gewidmet hat. In schwarz gehaltene Materialcollagen, Objekte und Installationen zitieren eine illustre Reihe von Werken amerikanischer und europäischer Künstler aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Weitere wichtige Bezugspunkte sind Design und Pop-Kultur. In Berlin bildet der Kulturtransfer mit Moskau, der besondere Einfluss der Suprematisten einen wichtigen thematischen Schwerpunkt. Bei all diesen offensiven Bezugnahmen sind die ästhetischen Strategien Redfords aus den 80er Jahren selbst längst zu einer zitierfähigen Verfügungsmasse eines Bilderfundus geworden, aus dem sich auch schon durchaus einige andere Künstler bedient haben. In seinen Burn Rate Projekten stellt Redford damit die Frage, ob die Kunst in endlos wiederholten Aufgüssen immer gleicher Ideen, nicht längst ihr Kapital verbraucht hat und ob es sich nicht eben genau damit sehr gut wirtschaften lässt! Redford zumindest hat mit seinen Wiederholungen, Zitaten und Anleihen aus dem großen Pool westlicher Kunst eine recht erfolgreiche Karriere in Australien bestreiten können. Vor dem Hintergrund der Erfahrung jahrzehntelangen, erfolgreichen Kunstschaffens, präsentiert er so eine Polemik von durchaus hinterlistigem Witz.

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Jenseits aller kunsthistorischen Bezüge und kunsttherotischen Argumente, entstehen Gebilde von großer räumlicher Präsenz und einer oftmals überzeugnden Sinnlichkeit. Hier finden die anarchische Kreativität des Punk, eine von großem Respekt getragene Bewunderung von Design, ein ausgesprochen selbstbewußter Umgang mit kunsthistorisch etabliertem Formenhaushalt zu einer sehr eigenen Ästhetik, die Redford mit handwerklicher Souveränität in Szene zu setzten weiß. Und so, wie der Künstler in seiner Selbsteinschätzung zu Fragen kunsthistorischer Originalität und Bedeutsamkeit gerne jedes Maß verliert, so erorbert auch seine Ausstellung den Raum in nahezu überbordender Unmäßigkeit.

Rafael von Uslar

 

 

Fotos: Boris von Brauchitsch

 

 

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