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Dirk Schlichting – Berliner Spalt

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Der Berliner Spalt

Das Bodenlose der Kunst des Dirk Schlichting

Tut sich die Erde auf, ist dies meist das Resultat eines gravierenden Ereignisses.
Entweder bleibt es biblisch und es bebt bevor Vorhänge zerreißen oder der Planet entäußert sich eruptiv, tektonische Platten verschieben sich. Dies sind insgesamt
gesehen erdhistorische Ausnahmesituationen. Gemeinhin kann sich Mensch auf die
Unversehrtheit und unhinterfragte Kontinuität der Erdoberfläche verlassen, auf der er
zu seiner Lebenszeit wandelt. Eine Kruste und die Brüchigkeit derselben sind dem
Menschen zwar als positive Leiberfahrung in Form eines Heilungsprozesses
durchaus bewusst. Und doch geht der Mensch davon aus, dass die Erde unter
seinen Füssen ihn tragen wird, in einem komplizierten Wechselspiel von
Anziehungskraft, Anstieg und Gefälle.
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Im domestizierten Raum steht der Boden anstelle der Erde. Der Boden ist eine
künstlich geschaffene Oberfläche, zumeist parallel zur Erde angelegt. Sie eleviert die
Erdoberfläche mit sämtlichen Regeln und Naturgesetzen in beliebige Höhen. Alles
andere ist eine Frage von Statik und Architektur.
Die größte Furcht jedoch desjenigen der sich auf den Boden unter seinen Füssen
verlässt, ist das Bodenlose. Das Bodenlose ist ein Raum, der eine erstaunliche,
mutmaßlich unendliche Ausdehnung irgendwo zwischen Boden und Erde erreicht.
Das Erdinnere, jenseits der Kruste lässt sich geologisch denken und über
Unterkellerung und U-Bahnschächte leiblich erschließen. Ein Erdkilometer von
Walter de Maria bietet eine metallgewordene Linie an der entlang sich in den
Untergrund denken lässt. So wird deutlich: Die Erde und ihr Inneres sind endlich.
Das Bodenlose hingegen projiziert die Unendlichkeit des die Erde umgebenden All in
den Untergrund. Somit ist das Bodenlose ein Raum, der die Erde nicht von ihrer
Kruste aus denkt, sondern als einen eigenen Raum von unermesslicher Ausdehnung
begreift. Es wohnt dem Bodenlosen das Bewusstsein inne einen Ausgangspunkt,
den Boden, zu kennen und kein Ende in der Ausdehnung dieses Abgrundes zu
finden, der sich jenseits des Bodens auftut. Das widerspricht der Logik alles Wissens
um Welt und Erde. Es ist daher ein fiktiver, ein imaginierter, ein erwünschter Raum.
Tut sich die Erde auf, ist dies meist ein gewaltsames Ereignis, das Spuren dieser
Gewalten hinterlässt. Es geht dabei um Risse, Verwerfungen und Irregularitäten. Das
Bodenlose als fiktiver Raum ist solchen Naturgesetzlichkeiten und ihrer ästhetischen
Begleiterscheinungen nicht unterworfen. Und so kommt schließlich auch der Berliner
Spalt des Dirk Schlichting ohne jede visuell ästhetische Dramatisierung des
Aufbrechens, Aufreißens, des Eruptiven aus. Alles ist gebaut und mit einem
Höchstmaß an handwerklicher und ästhetischer Präzision an die vorgefundenen
architektonischen Gegebenheiten angepasst.
Der Berliner Spalt ist ein Raum, in dem sich der Boden auftut. Ganz ordentlich, sehr
geregelt. Man steigt eine Treppe empor, betritt einen Boden, ein Teppichläufer gibt
die Laufrichtung vor. Alles strebt einem Fenster zu, dass sich auf Bodenniveau
befindet. Geöffnet würde es sich als die Handlungsanleitung zu einem Berliner
Fenstersturz anempfehlen. Dass der Läufer auf das Fenster als einzigem Ziel und
räumlichem Ausweg zuführt ist jedoch ein inszenatorisches Ablenkungsmanöver. Der
wahre Zweck des Teppichs ist es durchzuhängen. Und das genau da, wo sich mitten
im Raum der Boden auftut. Ein kleiner, tiefergelegter Kronleuchter markiert die Stelle
in Gegenrichtung, stuckgefasst von der Decke aus.
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Blickt man in den akkurat gefassten Spalt, so blickt man in eine von Berliner Glätte
und schwarzem Pigment geformten Kehle. Erkennt man diesen Abgrund mit den
eigenen Augen zwar als endlich, so begreift man ihn doch in Hinblick auf seine
Lokalisierung im Boden als un-endlich. Schließlich stellt der, die Sicherheit seiner
Kontinuität verweigernde Boden, eine allzu große Herausforderung dar, angetan
jegliche Evidenz des Augenscheins zu überstimmen. Verstärkt wird dieser Aspekt
dadurch, dass der Berliner Spalt eben keine akzidentielle Erscheinung irgendeines
unabwendbaren Naturereignisses oder Unfalls darstellt, sondern offensichtlich und
mit ebenso großem Aufwand, wie augenscheinlicher Detailverliebtheit bewusst und
willentlich herbeigeführt wurde. Dieser Abgrund ist erdacht, gebaut, geformt und zum
visuellen und körperlichen Erleben freigegeben. Er regt an, die Vorstellung des
Bodenlosen als geistige Erfahrung zu erkunden. Dies kann ein Angstraum sein, oder
aber ein Raum unbegrenzter Phantasie und Kreativität. Der Berliner Spalt eröffnet
einen imaginären Ort, dessen Dimensionen und Gestalt gänzlich dem
Vorstellungsvermögen seiner BetrachterInnen unterliegen.
Darüber hinaus dient der Berliner Spalt aber auch ganz praktisch als Falle. Absturz
droht: Es besteht erhebliche Verletzungsgefahr! Das Betreten des Raumes ist
nicht sicher und erfolgt auf eigene Gefahr. 11m2 warnt somit ausdrücklich vor einem
Betreten dieses Raumes und lehnt jede Verantwortung für etwaige Folgeschäden
kategorisch ab. Mögliche zukünftige Regressforderungen werden umgehend dem
Bodenlosen überantwortet.
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Rafael  von Uslar

 

 

Bilder der Eröffnung von Margret Kampmeyer:

 

Elisabeth Leyde – Weisssehen

Elisabeth Leyde, 11qm, 14, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 12, 2019

 

Elisabeth Leyde, 11qm, 25, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 19, 2019

Elisabeth Leyde, 11qm, 13, 2019

Elisabeth Leyde_Druck_Karte_Vor - Kopie

 

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Lars Reimers / Mickaël Marchand – Alles muss man selber machen lassen

Alles muss man selber machen lassen
Lars Reimers / Mickaël Marchand

18.11.2015 – 09.12.2015

Eröffnung: 18.11.2015 um 19.00 Uhr

Photos: Lars Reimers/ Mickaël Marchand

 

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Im öffentlichen Straßenraum abgestellter Hausrat und Möbel: Das ist entweder Bestandteil einer regelkonformen Entsorgung von Sperrmüll oder eine illegale Vermüllung städtischer Umwelt und damit eine Ordnungswidrigkeit.

Dass eine solche Einschätzung durchaus zu kurz greifen kann, das beweisen Lars Reimers und Mickaël Marchand mit ihrer Ausstellung Alles muss man selber machen lassen bei 11m2. Beide Künstler beschäftigen sich, vollkommen unabhängig voneinander in beeindruckenden Langzeitprojekten, mit im Straßenraum vorgefundenen, abgelegten Gegenständen. Ihr Umgang mit dem Ort und dem ihnen dort begegnenden Material jedoch, ist höchst unterschiedlich.

Lars Reimers macht seit 2008 Aufnahmen von Dingen, die auf der Straße zu sperrigem Müll werden. Es sind Schnappschüsse im Vorüber-Gehen aufgenommen, mit der Kamerafunktion eines Mobiltelefons.
Das Abstellen und Wegwerfen von Gegenständen ist gemeinhin kein bewusst vorgenommener gestalterischer Akt. Reimers Blick jedoch analysiert die Strategien und Ästhetik dieser unbedachten, beiläufigen Handlungen und zeigt sie als komplexe formale Inszenierungen. Hierbei halten sich ironische Beobachtungsgabe und kunsthistorische Wohlinformiertheit in einer spannenden Balance. Kaum eines dieser banalen, höchst alltäglichen Arrangements, das nicht vertraute künstlerische Positionen der Gegenwart, als spontane Assoziationen evoziert. Über die Jahre eines kontinuierlichen Arbeitsprozesses, ist so ein beeindruckender Fundus entstanden von scheinbar lapidaren Bildern, ein eigenwilliger Straßenatlas der großen Inszenierung unbedeutender Dinge. Bilder voller Poesie und erstaunlicher erzählerischer Komplexität.

Mickaël Marchand begegnet dem vorgefundenen Material mit entschiedenen Interventionen in den Straßenraum. Er re-arrangiert das abgestellte Straßengut unter höchst kreativer Berücksichtigung der architektonischen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes. Er schafft fragile und oftmals höchst waghalsige Konstruktionen, welche die Grenzen dessen, was Materialbeschaffenheiten und Schwerkraft zulassen, bis zum äußersten strapazieren. Die so geschaffenen Stilleben werden zum Bildgegenstand von Photographien – danach wird aufgeräumt. Die Bilder jedoch sammeln sich an, zu einer Untersuchung zum ästhetisch Möglichen des zufällig Vorgefundenem, im öffentlichen Raum. Bald lassen die Bilder eine gewisse Handschrift erkennen: Ähnliche Entscheidungen und Handgriffe, die einer Vielzahl der Inszenierungen zugrunde liegen. Es wird deutlich, dass es hier um das Gestalten von Ordnungen geht, die sich in der Folge, in ihrer eigenen Logik, gegenseitig kontinuierlich bestätigen. Unterhaltsamer Möbelslapstick und eine Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen, bedingen einander und schulen den Betrachterblick.

In ihrer Ausstellung Alles muss man selber machen lassen in den 11m2, präsentieren die Künstler einen Archivraum mit über 1.000 Photographien! Wir freuen uns sehr, Ihnen einmal mehr ein überraschendes Raumerlebnis versprechen zu können.

Rafael von Uslar