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Lars Reimers / Mickaël Marchand – Alles muss man selber machen lassen

Alles muss man selber machen lassen
Lars Reimers / Mickaël Marchand

18.11.2015 – 09.12.2015

Eröffnung: 18.11.2015 um 19.00 Uhr

Photos: Lars Reimers/ Mickaël Marchand

 

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Im öffentlichen Straßenraum abgestellter Hausrat und Möbel: Das ist entweder Bestandteil einer regelkonformen Entsorgung von Sperrmüll oder eine illegale Vermüllung städtischer Umwelt und damit eine Ordnungswidrigkeit.

Dass eine solche Einschätzung durchaus zu kurz greifen kann, das beweisen Lars Reimers und Mickaël Marchand mit ihrer Ausstellung Alles muss man selber machen lassen bei 11m2. Beide Künstler beschäftigen sich, vollkommen unabhängig voneinander in beeindruckenden Langzeitprojekten, mit im Straßenraum vorgefundenen, abgelegten Gegenständen. Ihr Umgang mit dem Ort und dem ihnen dort begegnenden Material jedoch, ist höchst unterschiedlich.

Lars Reimers macht seit 2008 Aufnahmen von Dingen, die auf der Straße zu sperrigem Müll werden. Es sind Schnappschüsse im Vorüber-Gehen aufgenommen, mit der Kamerafunktion eines Mobiltelefons.
Das Abstellen und Wegwerfen von Gegenständen ist gemeinhin kein bewusst vorgenommener gestalterischer Akt. Reimers Blick jedoch analysiert die Strategien und Ästhetik dieser unbedachten, beiläufigen Handlungen und zeigt sie als komplexe formale Inszenierungen. Hierbei halten sich ironische Beobachtungsgabe und kunsthistorische Wohlinformiertheit in einer spannenden Balance. Kaum eines dieser banalen, höchst alltäglichen Arrangements, das nicht vertraute künstlerische Positionen der Gegenwart, als spontane Assoziationen evoziert. Über die Jahre eines kontinuierlichen Arbeitsprozesses, ist so ein beeindruckender Fundus entstanden von scheinbar lapidaren Bildern, ein eigenwilliger Straßenatlas der großen Inszenierung unbedeutender Dinge. Bilder voller Poesie und erstaunlicher erzählerischer Komplexität.

Mickaël Marchand begegnet dem vorgefundenen Material mit entschiedenen Interventionen in den Straßenraum. Er re-arrangiert das abgestellte Straßengut unter höchst kreativer Berücksichtigung der architektonischen Gegebenheiten des jeweiligen Ortes. Er schafft fragile und oftmals höchst waghalsige Konstruktionen, welche die Grenzen dessen, was Materialbeschaffenheiten und Schwerkraft zulassen, bis zum äußersten strapazieren. Die so geschaffenen Stilleben werden zum Bildgegenstand von Photographien – danach wird aufgeräumt. Die Bilder jedoch sammeln sich an, zu einer Untersuchung zum ästhetisch Möglichen des zufällig Vorgefundenem, im öffentlichen Raum. Bald lassen die Bilder eine gewisse Handschrift erkennen: Ähnliche Entscheidungen und Handgriffe, die einer Vielzahl der Inszenierungen zugrunde liegen. Es wird deutlich, dass es hier um das Gestalten von Ordnungen geht, die sich in der Folge, in ihrer eigenen Logik, gegenseitig kontinuierlich bestätigen. Unterhaltsamer Möbelslapstick und eine Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen, bedingen einander und schulen den Betrachterblick.

In ihrer Ausstellung Alles muss man selber machen lassen in den 11m2, präsentieren die Künstler einen Archivraum mit über 1.000 Photographien! Wir freuen uns sehr, Ihnen einmal mehr ein überraschendes Raumerlebnis versprechen zu können.

Rafael von Uslar

Susanne Rottenbacher – The Looking Glass Room`s Exploding Inevitable

Susanne Rottenbacher
The Looking Glass Room`s Exploding Inevitable

16.09. – 31.10.2015
Eröffnung 16.09.2015, 18 – 20 Uhr

 

1966 setzte Andy Warhol bei seinem Exploding Plastic Inevitable zur Betrachterüberwältigung auf ein Spektakel aus verzerrtem Gitarrengetöse, stroboskopischem Licht, Tanz und Dia-Projektionen. 2015 bietet Susanne Rottenbacher für ihr Exploding Light Inevitable in den 11m2 Lichtskulpturen, Spiegel und – Stille.
Eine Überwältigung gelingt trotzdem.

Betritt man den großzügig angelegten Ausstellungsraum, so wird man umfangen von Licht. Streifenbemalte Kunststoffkorpi durchzogen von Lichtröhren vollführen Achterbahnfahrten, die das Auge in ihren kühnen Verlauf mitreißen. Lichtstränge kreisen und peitschen durch den Raum. An dessen Wänden findet in Spiegelstreifen das Spektakel sein Echo. Dieses wird nicht nur sofort in den Raum zurück gejagt, sondern bildet zugleich einen Lichtsog in die Tiefe der Wände und scheint die Begrenzungen des Raumes zu sprengen.

Fotos: Claus Rottenbacher

In den Spiegeln jedoch macht das Licht längst keinen Halt…
Bevor sich Alice* entscheidet, durch den Spiegel zu treten, hat sie sich mit der Ansicht des Spiegelglasraumes bereits eingehend vertraut gemacht. Als sie ihn schließlich betritt, ist sie begeistert zu entdecken, dass all das, was von der anderen Seite in diesem Raum nicht zu sehen war, sooo viel interessanter als das bereits zuvor Sichtbare ist.
The Looking Glass Room’s Exploding Light Inevitable ist eine Einladung, sich von einer eben solchen Entdeckung zu überzeugen!

 

Rafael von Uslar

 

*Lewis Carroll: Alice Through the Looking –Glass & What Alice Found There, 1871.

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Geo Reisinger Halbe Häuser, Ganze Paläste

Geo Reisinger
Halbe Häuser, Ganze Paläste

26.06.2015 – 10.07.2015

Eröffnung: 26.06.2015 um 19.00 Uhr

Fotos: Geo Reisinger

Geo Reisinger ist ein Architekt, ein Architekturtheoretiker und ein Photograph. Ein Architekt, der eine Kamera zur Hand nimmt, macht das, was man von ihm erwarten kann: Er baut um, im Bild.

Architekturen und Landschaften sind seine bevorzugten Motive. Er ist ein Photograph des strukturierenden Blicks. Den Sucher seiner Kamera auf ornamentale Ordnungen gerichtet, versteht er es, diese in seinen Bildern zu komplexen Musterstrukturen auszuarbeiten. Sind die gesuchten Strukturen erst einmal aufgespürt, werden sie sorgfältig analysiert und auf ihre Bildtauglichkeit hin seziert. Wie man beim Filetieren eines Fisches vorzugehen hat, legt Reisinger die Spiegelachsentauglichkeit seiner Motive frei. Angelegt als Mittelachse des Bildes, manchmal auch als dessen Rand, verdoppelt sie Hälften, in die Ganzheit eigenwilliger Bilderzählungen.

Als zentraler Fokus wird eine Position eröffnet, die bei Caspar David Friedrich der Rückenansichtigen Betrachterfigur vorbehalten war. Jener Figur, die als Handlungsanweisung dem Bildbetrachter als Identifikationsangebot, des als vorbildlich zu betrachtenden bildgerechten Handelns gelten sollte. Auch bei Reisinger sieht sich der Betrachter in Stellung gebracht und auch hier direkt in den Mittelpunkt des Geschehens. In diesem Fall ist der Bildmittelpunkt zugleich der Ausgangspunkt des Bildgeschehens. Hier teilt sich das Bild in gleich und gleich, es findet in sich selbst sein Gegenüber und doch entsteht etwas Neues, das weit über die Wiederholung des Halben hinausgeht. Neue Architekturen, Räume und Landschaften erwachsen diesem Prozess. Und so durchschaubar bleibt, worin der Kunstgriff besteht, das zu Sehende hat seine ganz eigene, völlig überzeugende Evidenz.

Im Fenster von 11m2 hat Geo Reisinger eine Reihe von Bildern gezeigt, die als Architektur- oder Landschaftsmotive eine solche axiale Spiegelung zum Ausgangspunkt des Bildgeschehens nehmen. Das Resultat ist verblüffend. Der kapitalistisch regulierte freie Wildwuchs urbaner Architektur in New York „vervollkommnet sich“ zu Palastarchitekturen, die stalinistische Machtrepräsentation in den Schatten zu stellen verstehen. Reisinger betitelt dieses Projekt spöttisch mit: „Give the people what they want.“ Hier wird das Photo zur Vervollkommnungsphantasie eines unterstellten kollektiven Wollens, das scheinbar perfekte Ordnungen entstehen lässt. In ihrer Wiederholung finden noch die einfachsten und belanglosesten architektonischen Entwürfe ihre Bestätigung in sich selbst und steigern sich in unerwartete ornamentale Erhabenheit. Und was auch immer zur Anschauung gebracht wurde, ob kolossale Architektur, oder monumentales Felsmassiv; es herrscht eine große Übersichtlichkeit. Das Bild, das ihn ins Zentrum gerückt hat, erscheint dem Betrachter als vollkommen beherrschbar.

Im Projektraum zeigt Reisinger ein Panorama. In die großzügig bemessenen 11m2 stellt er damit seinen eigenen, in sich geschlossenen Raum. Zu sehen sind Bilder von New York, einer Stadt, die in ihrer Ansichtigkeit und Darstellung traditionell für einen Ort der Vertikale gehalten wird. Kameras und Blicke richten sich hier zumeist erst einmal in die Höhe. Jeder, der die Stadt kennt, weiß jedoch, dass sich das Entscheidende in der Horizontalen abspielt, auf Straßenniveau in Blickhöhe, oder im Untergrund. Alles andere ist Ausblick.

Reisinger hält dagegen und senkt die Kamera. Mit dem geschulten Auge eines architekturkulturellen Feldforschers nimmt er die großartige ornamentale Zeichensprache der Asphaltgraphik ins Visier. Was er zeigt, ist Malerei, strenge Geometrie, die große, weithin übersehene Bilderzählung des öffentlichen Raumes. Es ist das Zeichensystem einer urbanen Ordnung, die Reisinger zu einer Komplexität zu fügen versteht, in der jene Notwendigkeit der Arabeske erkennbar wird, die Asphaltmarkierungen in eine lose Beziehung setzt zu den großen ornamentalen Bodenordnungen der Architekturgeschichte.

So bleibt festzustellen, dass nach Geo Reisingers photographischer Untersuchung zum Ornament der Straße niemand Fahrbahnmarkierungen je wieder nur achtlos mit Füssen treten sollte.

Rafael von Uslar

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Anny und Sibel Öztürk – Das Auge des Sammlers

Anny und Sibel Öztürk

Das Auge des Sammlers

Eröffnung: 17.10.2014 ab 19 Uhr

 

11m2, mommsenstrasse 8, berlin

 

Fotos: Geo Reisinger, Sibel Öztürk

Anny und Sibel Öztürk
Das Auge des Sammlers

Für ihre Ausstellung Das Auge des Sammlers schaffen Anny und Sibel Öztürk ein intimes Sammlerkabinett. Auf 11qm gestalten sie Tableaus, die eigene Raumeinheiten entstehen lassen. Bilder realer Sammlerhaushalte und bekannter Kunstwerke werden zur materiellen Grundlage für fiktive Szenarien genommen. Wie in einer filmischen Abfolge eröffnet sich dem Besucher auf kurzen räumlichen Distanzen ein Raum nach dem anderen. Denn so überschaubar das Raumangebot des Ausstellungsortes auch sein mag, so vielfältig sind die Eindrücke unterschiedlicher räumlicher Zusammenhänge, welche die Künstlerinnen hier entstehen lassen.

Sammler haben ein sehr eigenwilliges Verhältnis zu den Dingen, die sie zusammentragen, meist, um sich mit ihnen zu umgeben. Nach Walter Benjamin ist „die wahre, sehr verkannte Leidenschaft des Sammlers … immer anarchisch, destruktiv. Denn dies ist ihre Dialektik: Mit der Treue zum Ding, zum Einzelnen, bei ihm Geborgenen, den eigensinnigen subversiven Protest gegen das Typische, Klassifizierbare zu verbinden. Das Besitzverhältnis setzt völlig irrationale Akzente.“1

In erster Linie bedeutet Sammeln sich Dinge anzueignen. Dabei geht der Zugriff auf den Gegenstand oder das Kunstwerk weit über den bloßen Erwerb, das Vom-Markt-Nehmen, hinaus. Ein Sammler stellt individuell geprägte Zusammenhänge her, denen er die Objekte seiner Begierde einfügt, sie unterordnet. Das einzelne Objekt steht nicht mehr für sich selbst, sondern ist immer auch Teil einer oder besser einer Vielzahl von Erzählungen, denen das Anliegen der Sammlung ein Leitmotiv verleiht.

„Der Besitz (ist) das allertiefste Verhältnis …, das man zu Dingen überhaupt haben kann“ Der Sammler eignet die Gegenstände seines Begehrens dem eignen Leben an macht sie zu einem Teil seiner Biographie. Sie werden für ihn zu einem Gegenstand der Selbst-Identifikation „er selber ist es, der in ihnen wohnt“.2 Diese Aneignung überformt den Blick auf den Gegenstand. Im Auge des Sammlers erscheint dieser daher stets im Filter der an ihn herangetragenen Bedeutung und biographischen Legendenbildung. Es ist dies eine „vollkommen phantasmagorische“ Form der Wahrnehmung, so wie sie Michel Leiris in seinem Essay „Das Auge des Ethnographen“ dem Durchschnittseuropäer, für dessen stets „durch seine weiße Mentalität“ gefilterte Sicht, auf außereuropäische Kultur attestiert.3

Anny und Sibel Öztürk machen diese überformende Aneignung der Bilder zum sichtbaren Anschauungsgegenstand und bestimmenden Thema ihrer Installationen. In diesem Projekt treten sie selbst als Sammlerinnen in Erscheinung. Ihre Bearbeitungen nehmen eigene Erzählzusammenhänge auf, um sie sogleich unmittelbar sichtbar, mit der bildlichen Syntax zu verweben – oder besser: zu verkleben. Schließlich bedienen sich die Künstlerinnen, neben verschiedenen Reproduktionstechniken, bevorzugt der Collage!

Picasso, Arp, Lichtenstein, Beuys, Polke, alles aus der einen Hand zweier Künstlerinnen, die in einem begehbaren Panorama, ihre Schätze und Kostbarkeiten ausbreiten und öffentlich zugänglich machen. Alles auf 11qm, in der Mommsenstrasse, in Berlin Charlottenburg.

Rafael von Uslar

1 Walter Benjamin, Lob der Puppe, in: Gesammelte Schriften, Band III, Hg. v. Hella Tiedemann-Bartels, Frankfurt a.M.,1991, S. 216.
2 Walter Benjamin, Ich packe meine Bibiliothek aus, in: Gesammelte Schriften Band IV-1, Hg. v. Tillman Rexroth, Frankfurt a.M.,1991, S. 396.
3 Michel Leiris, Das Auge des Ethnographen, in: Ethnologische Schriften Band 2, Hg. v. Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt a.M., 1985, S. 34.

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Scott Redford – Burn Rate / Parallel World

Scott Redford – Burn Rate / Parallel World

23.05.2014 – 17.08.2014

Die in Berlin gezeigten Arbeiten beziehen sich auf einen Werkkomplex Redfords aus den 80er Jahren, dem das University Art Museum, der University of Queensland in Brisbane 2003 bereits eine nahezu retrospektive Überblicksausstellung gewidmet hat. In schwarz gehaltene Materialcollagen, Objekte und Installationen zitieren eine illustre Reihe von Werken amerikanischer und europäischer Künstler aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Weitere wichtige Bezugspunkte sind Design und Pop-Kultur. In Berlin bildet der Kulturtransfer mit Moskau, der besondere Einfluss der Suprematisten einen wichtigen thematischen Schwerpunkt. Bei all diesen offensiven Bezugnahmen sind die ästhetischen Strategien Redfords aus den 80er Jahren selbst längst zu einer zitierfähigen Verfügungsmasse eines Bilderfundus geworden, aus dem sich auch schon durchaus einige andere Künstler bedient haben. In seinen Burn Rate Projekten stellt Redford damit die Frage, ob die Kunst in endlos wiederholten Aufgüssen immer gleicher Ideen, nicht längst ihr Kapital verbraucht hat und ob es sich nicht eben genau damit sehr gut wirtschaften lässt! Redford zumindest hat mit seinen Wiederholungen, Zitaten und Anleihen aus dem großen Pool westlicher Kunst eine recht erfolgreiche Karriere in Australien bestreiten können. Vor dem Hintergrund der Erfahrung jahrzehntelangen, erfolgreichen Kunstschaffens, präsentiert er so eine Polemik von durchaus hinterlistigem Witz.

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Jenseits aller kunsthistorischen Bezüge und kunsttherotischen Argumente, entstehen Gebilde von großer räumlicher Präsenz und einer oftmals überzeugnden Sinnlichkeit. Hier finden die anarchische Kreativität des Punk, eine von großem Respekt getragene Bewunderung von Design, ein ausgesprochen selbstbewußter Umgang mit kunsthistorisch etabliertem Formenhaushalt zu einer sehr eigenen Ästhetik, die Redford mit handwerklicher Souveränität in Szene zu setzten weiß. Und so, wie der Künstler in seiner Selbsteinschätzung zu Fragen kunsthistorischer Originalität und Bedeutsamkeit gerne jedes Maß verliert, so erorbert auch seine Ausstellung den Raum in nahezu überbordender Unmäßigkeit.

Rafael von Uslar

 

 

Fotos: Boris von Brauchitsch

 

 

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