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Pop-Up Kantstrasse

Für einzelen Projekte verlassen die 11m2 ihre großzügigen Räume in der Mommsenstrasse und öffnen anderenorts ihre Türen. For specific projects 11m2 leave their vast premises at Mommsenstrasse to open their doors elsewhere.
 11m2 Fenster rechts

Pünktlich zum Gallery Weekend stellten sich die 11m2 auf 111m2 mit einem „Sampler“ Pop Up Projektraum vor. Am Freitag, dem 28.04.2017, eröffneten wir ab 16:30 bis ca. 21:00 Uhr, in der Kantstrasse 147, am Savignyplatz, sehr zentral gelegen zwischen Uhland Apotheke und Schwarzem Cafè!

Während des gesamten Wochenendes präsentierten wir unseren Projektraum in einer Art Porträt, das zum einen auf vergangene Projekte verweist, deren Arbeiten nun zum ersten mal in einem Raum zeitgleich und nebeneinander zu sehen waren. Zum anderen gewährten wir einen Ausblick auf kommende Veranstaltungen und stellten einige der Künstler vor, die wir in diesem und im kommenden Jahr zeigen möchten.

11m2 Reisinger Ansicht 2

Und das bot der „Sampler“:
Von Troy-Anthony Baylis, einem indigenen australischem Künstler, der strickt, stellen wir frühe Arbeiten vor, die er als „First Queer and The Early Sunsets“ bei MyBerlinWall ausgestellt hatte.

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Leigh Bowery, der legendäre australische Performance Künstler wird mit einem Projekt von museologischem Rang in den 11m2 zu sehen sein. Der „Sampler“ gewährt einen Einblick in eines seiner Skizzenbücher in digitaler Form. Die meisten dieser Zeichnungen sind dabei überhaupt noch nie und nirgends gezeigt worden!

Der deutsche Photograph, Kurator und Autor, Boris von Brauchitsch, wird mit einem konzeptionellen, auf Phtotographie und Texten basierenden Rauminstallation, die nächste Ausstellung bei uns bestreiten. Zur Einstimmung zeigen wir einige ältere Photographien des Künstlers.

11m2 Boris von Brauchitsch.

Tony Clark, einer der einflussreichsten australischen Maler seiner Generation, documenta Teilnehmer, stellt für den „Sampler“, eine künstlerische Visitenkarte in Form eines, eigens für dieses Ereignis geschaffenen Selbstporträts vor. In einem wuchtigen Rahmen des 19. Jhd. tritt er somit als Poster Boy unserer Veranstaltung auf! Zeitgleich bespielt Tony das Fenster der 11m2 mit einer weiteren Malerei: „The Birds“.

11m2 Tony Clark Boris v. Brauchitsch

Gary Carsley ist zur Zeit mit seiner Installation für „The National 2017“ im MCA, Sydney, erfolgreich. Als Ankündigung seiner Projekte in der Mommsenstraße zeigt er eine großformatige Photographie eines seiner „versteinerten“ Stühle. Dieses, mit einem kulturanthropologischen Narrativ infizierten Möbel des 19. Jhd., stammt ursprünglich aus der Sammlung des Kunstgewerbemuseums Berlin.

11m2 Gary Carsley Kopie

Friedrich Gräsel, einer der originellsten Bildhauer der westdeutschen Nachkriegsmoderne, ist mit einem Hauptwerk im öffentlichen Berliner Raum vertreten. Dieses jedoch vergammelt seit Jahrzehnten bis zur eigenen Unkenntlichkeit. Wir werden eine umfangreiche Auswahl seiner Graphiken zeigen in einen Kontext gerückt mit Werken internationaler Künstler, die sich Gräsel zum Thema nehmen. Unser wichtiges Ziel: „Gräsel-awareness!“

11m2 Friedrich Gräsel

Edith Kollath schafft Installationen und Skulpturen, von großer poetischer Wirkungsmacht. Unser Partner-Projektraum „Marterie“ in Offenbach, zeigt zur Zeit ihre Ausstellung „Addressable Volume“. Im „Sampler“ gewährt Edith einen Einblick darein, was einen Stein in seinem Innersten zusammenhält.

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Anny & Sibel Öztürk zeigen „Hans Arp“ aus ihrem grandiosen Sammlerkabinett für die 11m2 und eine Monstera Deliciosa als Verweis auf ihr nachhaltig beeindruckendes „unspeakable home“ für MyBerlinWall. Ein Jahr lang fand hier die einzigartige Überblendung von Adolf Hitlers Berghof mit dem großmütterlichen Wohnzimmer der Künstlerinnen in Istanbul statt. Wir bieten eine werkmonographische Publikation zu dieser Arbeit an.

11m2 Anny und Sibel Öztürk

Lars Reimers und Mickaël Marchand gewähren einmal mehr Einblick in ihre Archive mit hunderten Photos ungewöhnlicher Installationen aus verlorenem Strandgut im öffentlichen Raum.

11m2 Reimers

 

Geo Reisingers großformatiges New York Panorama ist ein zweites mal in Berlin zu sehen. Anders, als in den 11m2 zeigt es sich in der Kantstrasse ein wenig offener. Einmal mehr bildet sich ein höchst ungewöhnlicher Ort in New York, an dem unbedingter ornamentaler Wille die Örtlichkeit bestimmt.

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Dirk Schlichting schafft aufwändige Werke im Stil der sogenannten „Realkunst“. Handwerklich erstaunlich aufwändig, verblüffen seine Arbeiten mit ihrem Hintersinn und einem sehr feinen Ironiebewußtsein. Dirk stellt sich für die 11m2 auf 111m2 passenderweise mit einer höchst kleinformatigen Installation vor.

11m2 Schlichting

Klaus Staeck hat die politische Kunst der alten und der neuen Bundesrepublik geprägt, wie kein Anderer. Parallel zu dem bekannten, sehr umfangreichen Werkkomplex politischer Plakate, besteht ein wunderbares Universum von Collagen im Postkartenformat. In den 11m2 planen wir, den bislang umfassendsten Überblick, dieser bislang weniger bekannten Werkgruppe zu zeigen. Im Kontrast zu der schieren Unmenge von unikatär Papiergeschnittenem im Taschenformat, auf die wir in den 11m2 hoffen, zeigen wir nun zur Einstimmung zunächst einige wenige Motive.

11m2 Klaus Staeck

Der 11m2 Pop Up Sampler ist ebenso eine erste Bestandsaufnahme, wie auch ein Ausblick und schließlich die einmalige Gelegenheit, die vielen, aufeinander folgenden künstlerischen Einzelpositionen, einmal im räumlichen Zusammenspiel zu erleben.

Wir haben uns auf viele spannende Begegnungen an diesem Wochenende gefreut und hoffen sehr, die Freunde der 11m2 nach Kräften zu mehren. Deshalb auch unsere Bitte, die Einladungen zu unseren Vernissagen weiterzureichen und Menschen, zu deren Berufung im Leben es eigentlich auch gehören sollte, Freunde kurioser Projekträume zu sein, bitte einfach mitzubringen!

Ausstellungsdauer: 28. – 30. April

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Gastprojekte in den 11m2

Boris von Brauchitsch – 9

Die Welt im Maßstab von 9 auf 11m2

Boris von Brauchitsch 9 bei 11m2 Berlin

Um auf die gewaltige Flut privater Photos der immer gleichen Sehenswürdigkeiten zu reagieren, setzte mein Vater, der Knipser, sich die Regel, nichts zu photographieren, was er als Postkartenmotiv professionell abgelichtet erwerben könnte. Und so reihen sich an die Festmeter von Alben, gefüllt mit Bildern der immer gleichen Personen, die in den immer gleichen Situationen jedoch zu verschiedenen Zeiten abgelichtet wurden, zwei Bände mit Ansichtskarten.

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Um auf die gewaltige Flut privater Photos der immer gleichen Sehenswürdigkeiten zu reagieren, setzte sich Boris von Brauchitsch, der Photograph, das Regelwerk eines künstlerischen Konzeptes: An sämtlichen Orten, Städten und Landschaften seiner Reisen, wollte er fortan darauf verzichten, die bereits im Vorhinein sattsam bekannten Motive abzulichten. Stattdessen würde er sich auf die je eine Beobachtung einer Besonderheit am Ort konzentrieren und dieser die strikt beschränkte Anzahl von 9 Photos widmen. Den Bildern – als Quadrate formatiert und zu Blöcken angeordnet – wird ein essayistischer Text zur Seite gestellt.

In locker plauderhaftem Ton werden hier, angereichert mit allerlei Anekdotischem zur Reise und etwaigen Begleitern, die Motive aufgeschlüsselt, ihre Entdeckung dokumentiert und meist mit einem pointierten, kulturelle Analyse behauptenden Kommentar bedacht. Photoblock und Text zusammen ergeben so schließlich ein in sich abgeschlossenes Narrativ.

Boris von Brauchitsch stellt mit seinem Projekt die Frage, wer oder was wen legitimiert, etwas mit der Würde des Sehenswerten auszuzeichnen. Einer kollektiven Einigung auf einen möglichen historischen und kulturellen Konsens stellt er eine radikal subjektive Perspektive gegenüber. In 9 bestimmt von Brauchitsch im Alleingang, welchem Motiv repräsentativer Charakter für einen bestimmten Ort zukommt. Dabei wird das Detail, und die sie begleitende erzählerisch aufbereitete Beobachtung sowohl zu einer Darstellung des Orts als auch zu einem Abbild desjenigen, der seinen eigenen Blick hier dokumentiert. 9 das ist ein Reiseporträt ebenso sehr wie ein Selbstporträt.

Ihr reduziertes Format, der serielle Aufbau und ihre Anordnung in Blöcken nimmt die einzelnen Photographien mit ihren individuellen Erzählungen zurück zugunsten der sich in der Serie illustrierenden konzeptionellen Idee. Hier erinnert der Umgang mit den Motiven an den Einsatz von Photographie in der konzeptionellen Kunst, der Spurensicherung und Bereichen der individuellen Mythologien. Zugleich bewirkt die Anlage zum Kachelfeld eine Betonung ornamentaler Qualitäten. In ihren besten manchen Fällen sind die 9 Aufnahmen einfach Typologien spezifischer Objekte, in anderen Reihungen, die als chronologische Folge gelesen werden können, in wieder anderen fügen sich die 9 Einzelbilder als konstitutive Musterstrukturen zu dem einen wohlgestalteten Gesamtornament.

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Ein ausgesprochen gut entwickeltes Ironiebewusstsein und der an umfänglichem Bildwissen geschulte Blick des Kunsthistorikers sind bei von Brauchitsch das Rüstzeug für Photographien, die zunächst wie lapidare Schnappschüsse erscheinen, um schließlich die Betrachteraufmerksamkeit mit komplex gestalteten Bilderzählungen zu bannen.

9 zeigt die untergegangene Schönheit Berliner Brandmauern, die inspirierende graphische Ordnung marokkanischer Wahlwerbung, die traumbildhafte Poesie apulischer Scheintüren, den Maßstäbe setzenden griechischen Beitrag zur konkreten Plastik (eat that documenta!), die Internationalität der Playa del Inglés als durchdachtes Entsorgungskonzept, ebenso wie die tiefe Traurigkeit spanischer Baumschändungen. Kurzum, hier gilt es die ganz großen Erzählungen in sorgsam abgezählten, kleinformatigen Bildern nachzuverfolgen.

Zu den amüsantesten Geschichten gehört zweifelsohne der Photoblock zur Stadt London. Es geht um die längst überfällige Feststellung, das Reiterdenkmäler dafür zu tadeln sind, dass sie Pferde von hinten zeigen. Und da dies in der Tat kein erbaulicher Anblick ist, existieren auch nur 5 statt 9 photographische Belege solchen Missstandes.

Dabei werden hier einmal mehr die engen kulturellen Verbindungen der abtrünnigen Briten mit dem so wenig geliebten Kontinent deutlich: 1979 präsentierte Daniel Spoerri in seinem Le Musée sentimentale de Cologne an zentraler Stelle einen riesigen in Bronze gefassten Pferdehintern und daneben den Kopf von Wilhelm III. Dies ist, was vom kriegszerstörten Reiterstandbild des Preußenherrschers letztlich in der Stadt verblieb und nicht in „Eifel und Westerwald eingeschmolzen“, als „Eier, Käse und Butter nach Köln“ zurückkehrte.*

Königskopf an Pferdepobacken – auch das ist schließlich eine auserzählte preußische Geschichte und ein zukunftsträchtiger Tipp für London.

Aber es sind schließlich auch die vielen Einzelbilder, denen nachzuspüren lohnt: Wie etwa das einer geschlossen sich präsentierenden Mauer in Barcelona, der von einem Vespaspiegel ein ebenfalls geschlossenes Dreibogenfenster einem Orden gleich verliehen wird. Zurück bleibt eine streng graphische Zeichnung vor malerischem Hintergrund mit traumhaftem Sujet.

9 das ist eine Reise für sich. Es ist eine konstruktive Anregung, den Blick zu rejustieren und ernster zu nehmen, was da so alles auch ins eigene Auge fällt. 9 das ist ein Buch und das ist eine Ausstellung. In Berlin wird daraus eine Installation, in der ein Raum als ein nach außen gestülpter Globus auftritt, auf dessen Längengraden sich die Erzählungen verorten. 9 das ist nichts weniger als die Welt im Maßstab von 9 auf 11m2.

Rafael von Uslar

9, 11qm, juni 2017, vernissage multi

* Daniel Spoerri: Le Musée sentimental de Cologne, hrsg. Marie-Louise Plessen, Daniel Spoerri, Wulf Herzogenrath, Köln, 1979, S.149

 

Pop-Up

Untitled

Für einzelne Projekte verlassen die 11m2 ihre großzügigen Räume in der Mommsenstrasse und öffnen anderenorts ihre Türen.

For specific projects 11m2 leave their vast premises at Mommsenstrasse to open their doors elsewhere.

keepers lounge vol. 1

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keepers lounge vol. 1

Kuratorin: Klara Wallner

Olivia Berckemeyer, Matthew Burbidge, Fat Lava, Ferrari Hardoy,/Kurchan/Bonet, Beni Mguild, Beni Ouarain, Bu Sherwit, Wiedemann/Mettler, Thomas Wild

Eröffnung: 26. November 2016, 18:00 – 20:00 H

Mit dem Titel keepers lounge vol.1 bezieht sich die Kuratorin und Bloggerin (BLOG MOCK ROOM) auf den Ausstellungsort, einer ehemaligen Pförtnerloge. Inhaltlich folgt Klara Wallner dem Prinzip der Ausstellung „Hotel Dunkerque“, die sie 2015 im Museum FRAC NORD im französischen Dunkerque kuratiert hat: Unter dem Titel „Hotel Dunkerque“ wurde eine imaginäre Hotel-Lobby im Museum inszeniert, um ein breites Spektrum der Kunst- und Design-Sammlung des „Frac Nord – Pas De Calais“ der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und um die Schnittstellen von Kunst und Design zu untersuchen: http://www.fracnpdc.fr/?p=8151.

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Ausstellung „Hotel Dunkquerk“ @ FRAC Nord-Pas de Calais 2015. Kuratorin Klara Wallner

keepers lounge vol. 1

In der Ausstellung keepers lounge vol. 1 werden Kunst und Design und ihre Schnittstellen auf den Prüfstand gestellt. Es ist eine Inszenierung, in der die Grenzbereiche von Kunst und Design ebenso aufgezeigt werden wie ihr innerster Kern. Es wird eine Show entstehen, dessen Schaustücke eine eklektische Symbiose von Design und Kunst vorführt. Populäres früher Vertreter aus Möbel- und Angewandtem-Design wird mit Kunst von Heute in Beziehung gesetzt.

Die Grenzen zwischen Kunst und Design gehen häufig schleichend ineinander über. Design ist heute das, was Kunst bis zur Romantik war, als Nutz- und Symbolwert sich nicht ausgeschlossen hatten und so kommt es stets auf den Kontext und den künstlerischen Imeptus an und natürlich kommt es auch darauf an, was die Besitzer mit einem Kunstwerk machen.

Ist die Designikone Hardoy Chair (auch Butterfly Chair genannt), die 1939 von Ferrari-Hardoy, Kurchan und Bonet entworfen und mehrfach international ausgezeichnet und 2009 von einem Künstler bemalt wurde, durch den künstlerischen Eingriff eine Skulptur oder ist es nach wie vor ein Sitzmöbel?

keepers lounge vol.1: Teppiche Bu Sherwit, Beni Mguild (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst). Butterfly Chair by Ferrai-Hardoy, Kurchan und Bonet-Original by Knoll, ca. 1070, (Privatsammlung Berlin). Keramikvasen 1960er/1970er Jahre (Privatsammlung Berlin). Kissenbezüge: Cozy Horizon by  Wiedemann/Mettler. Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

keepers lounge vol.1: Teppiche Bu Sherwit, Beni Mguild (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst). Butterfly Chair by Ferrai-Hardoy, Kurchan und Bonet-Original by Knoll, ca. 1070, (Privatsammlung Berlin). Keramikvasen 1960er/1970er Jahre (Privatsammlung Berlin). Kissenbezüge: Cozy Horizon by Wiedemann/Mettler. Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

Sind Blumenvasen der 1960er – 1970er Jahre, die an den neuen Zyklus von Anselm Reyle erinnern, Skulpturen oder benutzbare Gefäße? Aselm Reyle nahm die Keramikvasen des Fat Lava-Stils, mit intensiven Farben und strukturbetonten Glasuren zum Vorbild und stellte nichtbenutzbare skulpturale Gefäße her. In keepers lounge vol. 1 werden Original Fat-Lava-Vasen gezeigt.Die in den 1960er Jahren entwickelte Glasur erinnert an großporig erstarrte Lavaströme. In Profikreisen wird unter Fat Lava westdeutsche Keramik der 1960er bis 1970er Jahre bezeichnet, die sich durch kräftige Farben, extreme Glasuren und experimentelle Kombinationen mit unterschiedlichsten Formen ausdrückt.

 

 

Bilduntertitel: keepers lounge vol. 1: Keramikvasen 1960er und 1970er Jahre (Privatsammlung Berlin). Auf der Wand Arbeiten von Marco Meiran und Olivia Berckemeyer. Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

keepers lounge vol. 1: Keramikvasen 1960er und 1970er Jahre (Privatsammlung Berlin). Auf der Wand Arbeiten von Marco Meiran und Olivia Berckemeyer. Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

Sind kunstvoll und Hand hergestellte Vintage-Teppiche lichtdurchwirkte Wandbilder oder geknüpfte Malerei für den Boden? Sind die handgefertigten Kissenbezüge von dem Duo Wiedemann Mettler Malereien auf denen man seinen Kopf betten kann, oder sind es Objekte, die man auf einem Regal zur Schau stellt? Mit ihrem unverkennbaren Stil, folgen Wiedemann Mettler der Umkehrung der Methode. Eine Leinwand wird in der Regel bemalt und das Duo nimmt farbige Samtstoffe und entfernt mit einer speziellen Technik die Farbe, wodurch abstrakte Bilder entstehen.

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Bu Sherwit, 1. Viertel 21. Jahrhundert, Marokko, 97 x 55 cm. Unikat. Courtesy Thomas Wild.
keepers lounge vol.1: Teppich auf dem Boden Beni Mguild, Teppiche an der Wand Bu Sherwit (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst.) Skulptur auf dem Sockel und Bilder by Olivia Berckemeyer. Leuchtobjekt by Matthew Burbige (Privatsammlung Berlin). Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

keepers lounge vol.1: Teppich auf dem Boden Beni Mguild, Teppiche an der Wand (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst.) Skulptur aus dem Sockel und Bilder by Olivia Berckemeyer. Leuchtobjekt by Matthew Burbige (Privatsammlung Berlin). Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

 

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Wiedemann/Mettler, Cozy Horizon”, 2016, Baumwollsamt mit Javelwasser bearbeitet, 50 X 50 cm. Unikat.
                                                                                                                                                    Cortesy Wiedemann/Mettler

Olivia Berckemeyer`s Skulptur „Lady D“ ist allerdings eindeutiger konnotiert. Sie wurde als Kunstobjekt entworfen und befindet sich dennoch an der Schnittstelle von Kunst und Design. Die Künstlerin bezieht sich auf die Handtaschen-Ikone Lady Dior. Die Tasche hatte ihren ersten Auftritt im September 1995, als sie von der französischen Präsidentengattin Bernadette Chirac an Lady Diana im Grand Palais Paris überreicht wurde.

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   Olivia Berckemeyer, Lady D, 2016, Unikat, Polaritwachs, 33 x 36x 28 cm. Courtesy Olivia Berckemeyer

Die charakteristischen Merkmale des Originals sind die dekorativen „Cannage-Absteppungen“. Bei Olivia Berckemeyers Wachs-Skulptur zerlaufen diese wiedererkennbaren Merkmale wie bei einer Tropfkerze. Hätte die Wachs-Skulptur einen Docht und würde man ihn anzünden, würde die Skulptur sich in Nichts auflösen, wodurch einerseits auf das Vergänglichkeitsprinzip verwiesen wird und andererseits Statussymbole ad absurdum geführt werden. Ebenso wie es die Lady Dior in unendlichen Ausführungen gibt, hat Olivia Berckemeyer verschiedene Varianten dieser It-Bag aus Wachs und Bronze in unterschiedlichen Größen und Farben kreiert.

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Olivia Berckemeyer, Lady D, 2015, Bronze, Unikatguss.

Die Methode folgt der Umkehrung. Das hat uns schon Marcel Duchamp gelehrt. Seine Ansichten stellten zu seiner Zeit den gängigen Kunstbergriff radikal in Frage. Als Ready-Made verwirklichte er das Konzept des Objet trouvé in seinen Arbeiten. Handelsübliche und industriell hergestellte Dinge wurden von Duchamp als Skulpturen auf einen Sockel gestellt und zur Kunst erklärt. Duchamp vertrat öffentlich die Meinung, dass bereits die Auswahl eines Gegenstandes ein künstlerisches Werk sei, was damals zu einem Skandal führte.

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Matthew Burbige, Napoleon,2006/2014, Holz, Edelstahl, Leuchtmittel,172 x 32 cm
keepers lounge vol.1: Teppich Beni Mguild,  (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst.) Skulptur auf dem Sockel und Bilder by Olivia Berckemeyer. Leuchtobjekt by Matthew Burbige (Privatsammlung Berlin). Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

keepers lounge vol.1: Teppich Beni Mguild, (Cortesy Wild Teppich- und Textilkunst.) Skulptur auf dem Sockel und Bilder by Olivia Berckemeyer. Leuchtobjekt by Matthew Burbige (Privatsammlung Berlin). Wandfarbe Luna by Schöner Wohnen

Was in der Vergangenheit als skandalös bezeichnet wurde, ist heute gängige künstlerische Praxis. Künstler wie Matthew Burbidge,Tobias Rehberger, Wiedemann/Mettler, Olivia Berckemeyer oder Jorge Pardo konzipieren Arbeiten, die zwischen Kunst und Design oszillieren. Mit ihren Arbeiten machen sie deutlich, dass durch den Kontextwechsel, das Besondere im Alltäglichen aufgedeckt werden kann.

Klara Wallner

Laufzeit: 01.12..2016 – 28.01.2017

Infos: http://www.11m2berlin.com

Facebook: facebook.com/11m2mommsenstrasse8/
facebook.com/MockRoom.DE/

Folgen: Twitter @KlaraWallner Instagram: @klaraWallner

#keeperslounge
#mockroomberlin #11M2

 

Susanne Rottenbacher

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Foto: Claus Rottenbacher

Susanne Rottenbacher: €350

Orange Crush, 2015

Auflage: 75, auf Zertifikat signiert, datiert

I’ve got my orange crush

Es ist ein Cocktail der besonderen Art: Auf dem Rand eines hohen Longdrinkglases thront eine, vermittels eines Einschnittes aufgesteckte, im Profil gezeigte Scheibe. Im Inneren des Glases türmen sich würfel-förmige Gebilde locker übereinander. Ihnen zur Seite erscheint in einem zunächst gradlinigem vertikalen Verlauf ein schlauchartiges Gebilde, in schräger Stellung gegen den Rand des Glases gelehnt. Dann, kaum dem Glasrand entwachsen, ändert es die ursprüngliche Ausrichtung, um in der Horizontalen ein paar kühne Drehungen zu nehmen. Schließlich, zu seinem Ende hin, findet es einmal mehr in die Vertikale zurück. Das vorauseilend identifizierende Erinnerungswissen erschließt: Ein Cocktailglas, mit per Einschnitt aufgesteckter Zitrusscheibe, Eiswürfeln, nebst so genanntem Spiraltrinkhalm. Dieses erkannte Bild ist der Ausgangspunkt einer detaillierten Betrachtung, die sich detektivisch im Aufspüren zahlreicher signifikanter Abweichungen das gesehene Bild erschließt. Es beginnt damit, dass am Ende jenes ein Longdrinkglas abbildende Kunststoffbehältnis über eine eigne Stromzufuhr verfügt, deren Kabel in der inneren Bodennähe des „Glases“ ihren Eintritt findet.

Bei der, einen Spiraltrinkhalm, – man spricht hier auch von Kreativtrinkhalmen, -abbildende Röhrenfigur handelt es sich um einen, von einem dunkel-orange-farbenem Plastikschlauch überzogenem Draht. Die Eiswürfel darstellenden Kunststoffkuben sind mit unterschiedlich farbigen Folien beklebt und zum Teil mit Streifenmustern überzogen. Jeder Kubus trägt in sich ein LED-Leuchtmittel. Die Kuben sind untereinander mit einem Kabel verbunden, das schließlich nahe dem Boden des Glases aus der Skulptur austritt und in einen, die Stromzufuhr regulierenden Adapter mündet. Bedingt durch die Folien leuchten die Kuben in einer Vielzahl von zum Teil wechselnden Farben. Im Wortsinne buntes Licht füllt das Glas und strahlt über dieses hinaus.

Lasst die Eiswürfel noch so farbig leuchten, der Star des Ensembles ist die Zitrusscheibe! Eine Plexiglasscheibe mit einem Durchmesser von immerhin 9cm ist beidseitig bedruckt mit einem jeweils gespiegelten Linienmuster, das der Kreisform der Scheibe folgt. Der halbe Zentimeter den die Tiefe des Plexiglaskörpers ausmacht, wird zu einem spannenden Raum. Hier treffen die Linien mit genug Abstand aufeinander, um, je nach Stellung der Scheibe, dem parallelen Verlauf der Linien zu folgen. Sie verschmelzen bis man sie schließlich nach erfolgreicher Trennung einander überholen sieht.

Das Muster lässt dabei ebenso an konstruktivistisches Graphikdesign der 20er/30er Jahre denken wie an die Streifenmalerei auf den großformatigen Lichtskulpturen der Künstlerin. In der Scheibe werden Susanne Rottenbachers Ringskulpturen zitiert, die Würfel erinnern an aufgebrochene kubische Figuren. Der Spiraltrinkhalm schließlich evoziert das Bild ihrer neueren Schlauch- und Spiralfiguren.

Ein Cocktail ist ein Mixgetränk, in dem verschiedene Zutaten in einem bestimmten Verhältnis aufeinandertreffen und idealerweise einen neues, eigenes Geschmacksereignis erzeugen, das so eindeutig und prägnant ist, dass es sich als eigene erinnerbare und kommunizierbare Größe erweist. Orange Crush, das ist die Susanne Rottenbacher-Retrospektive im Longdrinkglas, eine wunderbar ironische Zusammenfassung der eigenen künstlerischen Bildersprache. Es ist aber auch ganz einfach ein sehr schönes, diskret farbenfrohes Multiple, das wo auch immer wie zufällig abgestellt, seinen Auftritt hat und darin einen gänzlich eigenständigen Charme entfaltet.

Rafael von Uslar

Anny undSibel Öztürk

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Anny und Sibel Öztürk: €290
Die Badenden, Collage, Unikat in Serie,  2014
Auflage: 11, nummeriert, signiert, datiert

 

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Anny und Sibel Öztürk: €120
Monstera, Collage, Unikat in Serie, 2014
Auflage: unlimitiert,  nummeriert, signiert, datiert

Troy-Anthony Baylis

Troy- Anthony Baylis: €30

Handklatschen 3 Cheers 4 Aboriginal Art, Auflage 100, signiert und nummeriert, 2016.

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Foto: Boris von Brauchitsch, Berlin

An einem roten Griff sind eine äußere schwarze, eine innere rote, sowie eine äußere gelbe Handform befestigt. Die beiden Äußeren sind mit grob angedeuteten Darstellungen von Fingernägeln „verziert“. Bei diesem Gegenstand handelt es sich laut Auskunft eines angehängten Etiketts, um eine sogenannte “Handklatsche”, ein Kunststoffgewordenes Klapperinstrument. Einer Handrassel vergleichbar wird sie an ihrem Griff gehalten und durch leichte, aber ruckartige Vor- und Rückwärtsbewegungen der Hand aktiviert. Die drei, Hände abbildende Plastikteile werden so auseinanderbewegt, um sogleich wieder aufeinander zu klatschen. Das dabei entstehende Geräusch zeichnet sich weniger durch komplexe Musikalität aus, es erreicht vielmehr mit hell-schepperndem Geklapper, einen gewissen, wohl erwünschten, Geräuschpegel.

In den Farben schwarz, rot, gelb, gilt die Handklatsche als Fan-Artikel, um etwa bei internationalen Fussballereignissen Sympathie für eine deutsche Mannschaft zu bekunden. Warum das nicht eben sympathische Geräusch, dass durch Betätigung dieser Klatsche erzeugt wird, ausgerechnet Sympathie und nicht vielmehr Antipathie ausdrücken soll, muss an dieser Stelle ungeklärt bleiben.

Klären lässt sich jedoch, die vom Künstler vorgenommene kreative Umwidmung des Gegenstandes. Als der indigene australische Künstler, Harold Thomas, 1971 die Flagge der Aborigines entwarf, setzte er auf eine zweigeteilte Fläche, oben schwarz, unten rot, eine gelbe Rundform. Seit die australische Regierung die Flagge 1995, als eine Flagge Australiens offiziell angenommen hat, teilen sich Deutschland, Belgien und die Aborigines diese Dreifarbigkeit als Zeichen ihrer Nationalität.

Die stilisierte Darstellung von Händen ist ein sehr traditionsreiches Bildzeichen in der Kunst der Aborigines. Stilisierte Handdarstellungen spielen darüber hinaus im nationalen Gedenken der Australier an die schrecklichen Verluste im ersten Weltkrieg, beim Anzac Day eine Rolle. Sie sind ebenfalls ein wichtiges Bildsymbol im Gedenken an die Verfolgung und Ermordung zahlloser Aborigines, im Rahmen von Reconciliation Day Veranstaltungen. In dem vermeintlich deutschtümelnden Fanartikel, lässt sich vor diesem Hintergrund, also ein ausgesprochen inhaltsbeladenes australisches Objekt ausmachen!

In seiner Umwidmung des Fanartikels, zu einem auf einem Readymade basierenden Multiple, tritt Troy-Anthony Baylis einmal mehr in einen Dialog zu dem, von ihm sehr geschätzten amerikanischen Künstler Cary S. Leibowitz. Leibowitz bedruckte für sein Multiple Ice cream 4 art, fünf aus Kunststoff gefertigte Eiscremeportionierer mit Texten: Ice Cream 4 Cubism, Ice Cream 4 The Baroque, Ice Cream 4 P.C. Art, Ice Cream 4 Photo Realism und vor allem Ice Crream 4 Abstract Expressionism. Es ist schließlich naheliegend für einen Künstler, der Kunst ebenso wie Eiscreme liebt, jeden Löffel Gefrorenes einer bevorzugten Kunstrichtung zu widmen. Auch dies ist letztlich ein Fanartikel.

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  Cary S. Leibowitz

Einem Sammler, der sowohl Leibowitz sammelt, als auch dessen Geschmack für Kunst nur annähernd teilt, ermöglicht dies, in einer Hängung, dem passenden Kunstwerk einen, seinem Stil gewidmeten Leibowitzschen Plastik-Eisportionierer an die Seite zu stellen, so wie anderenorts Preise verliehen werden, oder Orden. Leibowitz im Sinn, reiht Baylis „Aboriginal Art“ ein in den Kanon, der mit Eiscreme oder eben Handklappern zu huldigenden Kunstrichtungen und bezeichnet damit zugleich eine prominente Leerstelle vieler internationaler, öffentlicher, wie privater Kunstsammlungen.

Mit Handklatsche 3 Cheers for Aboriginal Art, zollt Baylis somit seinem indigenen Herkommen, Australischer Geschichte, einem Multiple von Cary S. Leibowitz und schließlich der Kunst der Aborigines insgesamt und überhaupt Tribut. Mit einem einfachen Schriftzug, einer Signatur, nebst Nummerierung und Datierung wird aus einer musikalisch ärmlichen und in ihrem stumpfen nationalen Bezug ausgesprochen peinlichen Plastikklapper, ein an kunsthistorisch-internationalen und historisch- australisch-nationalen Bezügen ebenso reiches, wie kluges Kunstobjekt. Oder: Einem dümmlichen „Fanartikel“ aus dem 1€ Shop, mit viel Ironiebewußtsein und Humor, so viel mehr Sinn zu verleihen, ist eine echte Klatsche für jedweden nationalen Stumpfsinn!

Eine derartige Anreicherung beweist einmal mehr, dass Bereicherungen der Sichtweise auf das Eigene, oft erst im interkulturellem Dialog zustande kommen. Um in diesem Zusammenhang ein weiteres Beispiel zu nennen: Gute Nachrichten für den deutschen Stammtisch. In Australien steht das Kürzel AfD für Alcohol free Day.

Let’s make some noise for Aboriginal Art!

Rafael von Uslar, Berlin

 

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Troy-Anthony Baylis: €15

Plakatedition 11m2, Auflage 9, signiert und nummeriert, 2016